Jedes Jahr treffen sich Kaffeeexperten aus der ganzen Welt und bestimmen die besten und gehaltvollsten Kaffees. Diese werden anschließend versteigert und mit etwas Glück finden Sie diese Kaffees mit dem Cup of Excellence Logo anschließend in Ihrer Lieblingsrösterei an der Ladentheke. Thomas Eckel, der Besitzer der Murnauer Kaffeerösterei, war als Jury-Mitglied in El Salvador dabei.
Text und Fotos: Thomas Eckel (Murnauer Kaffeerösterei)
Angenehm warmer Herbstregen begrüßte ihn, als er nach mehreren Stunden endlich aus dem Flugzeug steigen und in El Salvador wieder festen Boden unter den Füßen fühlen durfte. Die vom Regen gereinigte Luft war so klar, dass der blütenschwangere Duft tausender verschiedener Blumen unverfälscht in die Nase stieg. Die Erntezeit für Kaffee lag bereits zwei Monate zurück, doch wegen des milden Herbstklimas von etwa 25 °C in El Salvador standen die Bäume bereits wieder voll im Saft und die ersten weißen Kaffeeblüten kündeten von der nächsten Erntezeit. Inmitten dieses Paradieses fand er für 2010 statt: der Cup of Excellence (COE) in EL Salvador, der wichtigste Kaffeegipfel, auf dem jährlich die besten Kaffees eines Landes selektiert und prämiert werden von einer sorgfältig zusammengestellten internationalen Jury. Er war eines der Jurymitglieder, Thomas Eckel, erster deutscher Q-Grader und Inhaber der Murnauer Kaffeerösterei. Viel Zeit zum Planen gab es aber nicht. Im Vorjahr hatte er sich schon beworben. Doch erst im April kam Post des COE mit der Zusage, als einer von 24 Juroren am sechstägigen Kaffeegipfel Anfang Mai 2010 – in El Salvador ist es zu dieser Zeit Herbst – teilnehmen zu dürfen.
Um dorthin zu gelangen und mit den angesehensten Kaffeekennern der Welt die Crème de la Crème zu küren, bedarf es eines geschliffenen Profils. Mindestens drei Jahre Erfahrung im Rösthandwerk und in der Qualitätsprüfung sind erforderlich wie auch ein international gesponnenes Netzwerk durch die direkte Zusammenarbeit und den Einkauf mit und bei den Plantagen. Gleich am nächsten Tag begann das Cupping. Es soll die Sinne der Juroren sensibilisieren und richtiggehend auf Kaffee eichen. Sechs Kaffees von sechs verschiedenen Plantagen wurden ausgesucht. Dabei wird vorher von einem Notar akribisch genau darauf geachtet, dass jeder der Kaffeebauern, von dem der jeweilige Kaffee stammt, lediglich eine Nummer erhält und der Kaffee auf diese Weise anonym bleibt. Eine Runde ausgiebigen Riechens und Schlürfens später wurden die Urteile der Juroren in der Gruppe diskutiert. Hier bewahrheitete sich das die Redensart „die Geschmäcker sind verschieden“ voll und ganz, denn die Wahrnehmungen der verkosteten Kaffees waren so vielfältig wie es Juroren gab.
In der nächsten Runde stellte sich die Herausforderung, exakt dieselben Kaffees wieder zu verkosten, dieses Mal in vertauschter Reihenfolge. Erneut wurden sie den kritischen Gaumen der COE-Jury unterzogen und bewertet. Sensibilisiert durch die vorhergehende Gruppendiskussion fielen die Wahrnehmungen und Urteile dieses Mal um einiges homogener aus. Die dritte Runde – es waren wieder die sechs Kaffees zu verkosten. Davor gab es Mittagessen. Zwar begeisterte die würzige Landesküche die Juroren, doch begann für alle danach die Herausforderung, wie Eckel es schildert. Die Gewürze im Essen veränderten die Wahrnehmung so stark, dass die Jury sich darauf festlegte das gesamte Cupping auf den nächsten Vormittag zu verlegen.
Am zweiten Tag begann das eigentliche Cupping des COE. Und das unterliegt strengen Vorschriften. Der Prozess des Aussiebens beginnt schon, bevor die Juroren des COE eintreffen. Eine nationale Jury trennt im Voraus die Spreu vom Weizen und entscheidet, welche der Kaffees der internationalen Jury vorgesetzt werden können. 2010 waren es in El Salvador 124 Kaffees, die sich beworben hatten. 79 davon kamen in die nationale Jury. Nur 47 davon schafften den Sprung in die begehrte erste Cupping-Runde des COE durch die internationale Jury. Der Ablauf, nach dem das Verkosten stattfindet, erinnert in seiner Vorschriftsmäßigkeit an ein Zeremoniell. An einem langen Tisch werden auf beiden Seiten in gleichen Abständen Tassen aufgestellt. In zwei Tassen, die jeweils zwei weiteren gegenüberstehen, befindet sich derselbe Kaffee. Alle vier sind gedacht für einen Juroren, denn jeder hat seine eigenen Tassen, um geschmacklichen Verfälschungen durch andere Tester vorzubeugen. Doch kann man nicht einfach irgendwann das Pulver mit heißem Wasser aufgießen. Zu schnell verflüchtigt sich sonst das Aroma der ersten Tasse, bis die letzte Tasse aufgegossen ist, erläuterte Eckel. Da es sich nur um Sekunden handelt, bis der ureigene Geschmack des Pulvers beginnt sich aufzulösen, wurde ein Ablauf gefunden, der jedem Juror dasselbe Geschmackserlebnis ermöglicht: Die Helfer des COE erledigen jeden Schritt exakt parallel miteinander. In eingespielten Vierer-Teams kippen sie gleichzeitig die Bohnen in die vier Mühlen, betätigen zur selben Zeit die Mühle, füllen gleichzeitig das Pulver in die Tassen und bewegen sich verblüffend simultan an den Tischreihen entlang und gießen auf ein ungesehenes Zeichen hin in exakt der gleichen Dauer heißes Wasser in die Tassen.
24 Kaffees verschiedener Fincas standen am zweiten Tag zur Verkostung auf dem Programm. „Wir waren uns sehr schnell darin einig, dass das Testen hier in El Salvador nicht einfach war, weil so viele Kaffees es wert wären, sich einen Cup-of-Excellence-Kaffee zu nennen“, führte der Kaffeeexperte aus, denn von einer möglichen Zahl von 100 Punkten erreichten die meisten mehr als 84. Ein doch recht überraschendes Ergebnis wie Eckel und seine Mitjuroren meinten. Die Kaffee-Nation El Salvador hatte sich vor neun Jahren beworben, um den COE ins Land zu holen. Zu dieser Zeit aber waren die Voraussetzungen in puncto Verarbeitung der Bohnen, Schutz der Kaffeepflanzen oder deren Erntetechnik noch so schlecht, dass zwischen den Ergebnissen von damals und heute Welten liegen.Die Reihe von Kriterien, nach denen die Kaffeekenner die Testproben bewerten und in denen jeweils zehn Punkte zu erreichen sind, ist extrem vielfältig und es bedarf echter Kaffee-Expertise. Noch bevor der Kaffe aufgegossen wird, beginnen die Cupper ihre Arbeit. Schon das Aroma der frisch gemahlenen Bohnen gibt eine Vorahnung, wie der Kaffee schmeckt. Das sogenannte Crust-Breaking schließt sich gleich daran an. Das Kaffeepulver sammelt sich nach dem Aufguss an der Oberfläche und bildet eine Kruste, nach deren Durchbrechen ein Aroma verströmt wird, das die Juroren beurteilen.
Darauf folgt das Kriterium der „Defects“. In dieser Kategorie wird ausgelotet, inwiefern die geschmackliche Gleichheit gewährt ist, das heißt, ob der Kaffee in allen vier Tassen auch wirklich immer gleich schmeckt. „Nur eine einzige sogenannte Stinkerbohne kann den Geschmack der ganzen gemahlenen Ladung ruinieren, das ist ein total No-go“, gibt Eckel zu verstehen. „Aber so was kommt natürlich bei keinem der Kaffees vor, die es zum COE schaffen.“ Weiter geht es mit dem Verhältnis von Süße und Säure. Die Ausgewogenheit dieser beiden Komponenten ist nach Eckel extrem wichtig für den Aromentransport. „Das ist wie bei Obst: Wären Äpfel nur süß, ohne auch nur ein klein wenig Säure zu haben, würde niemand mehr welche essen wollen, weil sie einfach nicht schmecken würden“, erklärt er. Ist dieser Punkt abgehakt, folgt das Kriterium des Clean-Cup. Begutachtet wird hier, wie rein der Kaffee von Nebengeschmäcken ist. „Die Q-Grader kennen eine Reihe verschiedener Geschmacksnoten, die in Kaffees vorkommen können. Gummi, Erde, Kartoffeln oder Verbandszeug etwa sind einige von den dunklen, schweren Tönen, die Spitzenkaffees auf keinen Fall haben dürfen. Schokoladige oder fruchtige Noten hingegen sind erlaubt“, erklärte Eckel.
Ein ebenso wichtiger Aspekt ist das Mouth-Feel. Dieser Begriff ist wörtlich zu nehmen und man darf den Vergleich mit Weinproben heranziehen. Entscheidend ist dabei, wie sich der Körper im Mund anfühlt, ob er wässrig ist oder schwer, ausfüllend oder dünn. Wie im Metier der Weinverkostung auch das Bouquet entscheidend ist, ist in der Kaffee-Sprache der Aftertaste oder auch Nachgeschmack von großer Bedeutung. Spitzenkaffees können zwar hervorragende Verhältnisse von Süße und Säure haben oder hervorragende Cleanup-Werte vorweisen. Dies muss aber nicht unbedingt heißen, dass sie einen lang anhaltenden, angenehmen Nachgeschmack mit sich bringen, weiß Eckel. Nach einer generellen
Beurteilung über den Geschmack des Kaffees zählt als letzter Punkt die persönliche Meinung eines jeden Jurors. Diese kann oft auch entscheidend sein, denn man stellt sich nach jedem Kaffee die Frage: „Würde ich diesen Kaffee kaufen wollen?“, führte Eckel an.
Am dritten Tag wurde die Wahl bereits ein wenig enger. Zwar schafften es 23 der 24 Kaffees – für ein Weiterkommen sind über 80 Punkte nötig – in die nächste Runde, doch galt es nun mehr ins Detail zu gehen und auszusieben. „Es war ein Traum, wie gut die Kaffees waren. Umso herausfordernder war es für uns, die spezifischen Einzelheiten zu bewerten und weiter auszusieben“, verriet Eckel. Willkommene Abwechslung vom anstrengenden Aussieben bot sich Eckel und seinen Jurykollegen mit dem Besuch auf der Plantage El Carmen. Auf 1300 Meter über dem Meeresspiegel mitten in den westlichen Gebirgsketten El Salvadors wächst dort die Königin der Kaffeebohnen: die Arabicabohne. Das Besondere von El Carmen: Sie ist die älteste Plantage El Salvadors und völlig autark. 1930 wurde sie gegründet. Auch heute ist sie noch im Familienbesitz und wird in vierter Generation geführt. Nicht ohne Grund existiert die Plantage noch heute. In ihr steckt das Herzblut der Inhaberfamilie, die über die Qualität des Kaffees wacht. Etwa 10 Mio. Pound Kirschen sind der Ertrag des mittelgroßen Unternehmens, das ergibt rund 2 Mio. Pound grüne Bohnen.
Nach der Ernte der Kirschen per Hand rollen Lastwagen mit der kostbaren Fracht in den Hof der Farm. Acht Tanks stehen dort bereit, um die Aufbereitung von bis zu acht Sorten separat zu ermöglichen. Große Mengen Wasser spülen die Kirschen in die Mühle, wo ihnen nach dem Waschen ihre fleischige Hülle abgezogen wird. Die Fruchthülle wird später wieder als natürliches Düngemittel verwendet. Nachdem ein Siphon die kleineren Bohnen ausgesiebt hat, gelangt die Fracht in die Fermentations-tanks. Zwischen sechs und 22 Stunden verbleiben sie dort, damit Fruchtrückstände voll und ganz entfernt werden. Dann setzt der Trocknungsprozess ein. In großen Patios werden die Bohnen verteilt, wo sie unter ständigem Wenden etwa 14 Tage liegen. Wichtig sind vor allem die letzten fünf Tage. Die Bohnen werden zusammengeführt und zuge- deckt über Nacht, um eine homogene Trocknung zu gewährleisten. Manche Unternehmen lassen ihre Bohnen nur fünf Tage in den Patios, um sie dann von anderen Unternehmen fertig trocknen zu lassen. El Carmen jedoch ist nicht auf andere angewiesen, da sie über alle nötigen Einrichtungen selbst verfügt wie auch einen Trockner, der nach dieser Phase gebraucht wird. Der Guardiola-Trockner ist eine der ältesten Anlagen in ganz El Salvador. Bei maximal 55 °C trock-net er die Bohnen über 48 Stunden.
Doch damit ist der Gourmet-Kaffee immer noch nicht fertig. Wie ein guter Wein muss er noch eine Weile lagern, bevor er sein Aroma entwickeln kann. Daher werden die getrockneten Bohnen in das Lagerhaus gebracht, wo sie mindestens 30 Tage bleiben. Gourmet-Kaffees lagern mindestens 60 Tage. Jetzt beginnt die Feinarbeit. Ein Monitor sortiert die Bohnen nach Größe. Solche, die der Qualitätsnorm entsprechen, kommen weiter zur nächsten Sortierstation. Hier kann keine Maschine die menschliche Hand ersetzen, denn mögen einige Bohnen der vorgegebenen Größe entsprechen, kann eine Maschine Mängel nicht erkennen. Daher sortieren wachsame Augen ungeeignete Bohnen per Hand aus. Abgepackt in Säcke kann der Spitzenkaffee schließlich in die jeweiligen Empfängerländer geschickt werden. Zurück beim COE: Der vierte Tag war gezeichnet von einem innerlichen Kampf. In dieser zweiten Runde wurde noch aufmerksamer verkostet und bewertet, denn von hier aus ging es schnell in die Plazierung der Top Ten. „Da wurde es nun wirklich aufregend. Es gab da Kaffees, bei denen sich die Jury einig war und die in die dritte und letzte Runde einziehen durften. Es gab einige Kaffees, da waren wir uns sofort einig, dass sie weiterkommen mussten“, beschreibt Eckel im Nachhinein die schwierige Situation. Einige Favoriten dieser Runde katapultierten sich dann auch am fünften und letzten Tag des Cuppings an die Spitze, an dem die Top Ten der Spitzenkaffees El Salvadors ermittelt wurden. „Es war sehr schwierig. Bisher waren ja schon sehr viele Kaffees wirklich gut. Und unter solchen Kaffees noch einmal auszusieben, da wird es eng, sodass sie wirklich alle ganz dicht aufeinander folgten“, gab Eckel zu verstehen.
Am Ende waren alle Juroren gespannt, welches Gesicht sich hinter welchem Kaffee verbirgt, vor allem, welche die Winning Farms waren. Die Bauern der Top Ten waren zur Siegerehrung eingeladen worden. Bis zum Ende wussten sie aber nicht, auf welchem Platz sie gelandet waren. Als endlich das Geheimnis gelüftet wurde, war die Überraschung bei den Bauern groß, denn einige von ihnen waren zum ersten Mal dabei und trugen stolz die begehrte Trophäe des COE-Titels für einen ihrer Kaffees nach Hause. „Das Geheimnis wirklich guten Kaffees ist, dass ich ihn wirklich kenne. Meine Arbeiter, die ich schon seit Jahren habe, und die wissen, worauf es ankommt, kennen jede Pflanze so gut wie ich und wir betreiben das alles so, wie es schon vor Jahren war“, verriet einer der Bauern. Und die Mühe, die sich die Bauern mit ihren Pflanzen machen, wurde allemal honoriert. Der Siegerkaffee wurde bei der traditionellen Auktion des COE für 28 $ je amerikanisches Pfund (462 g) gehandelt. Verglichen zum Ausgangspreis von 2010, erstmals drei Dollar je Pfund, ein ansehnlicher Gewinn.
Doch nicht nur die Bauern der Top Ten erfuhren ihre Platzierung, sondern auch die, die es nicht bis ganz nach oben geschafft hatten. Das erzeugte großen Elan, vor allem bei den Bauern, die nur um Haaresbreite den Einzug ins Finale verpassten. Diese Fülle an hochwertigen Qualitätskaffees regte die Bauern an, ihre Produktion ohne Unterlass zu optimieren und konkurrenzfähig zu bleiben. Sogenannte Kaffeeberater, von landwirtschaftlichen Vereinigungen unterstützt, stellen sich in solchen Fragen direkt vor Ort zur Verfügung, um die Optimierung der einzelnen Plantagen zu fördern.
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