Mitten drin > Unsere Autoren müssen hart arbeiten. Manchmal auch auf Kaffeeplantagen. Der crema Redakteur Ruben Quaas hat sich nach Kolumbien, dem Land der Entführungen und des frischen Kaffees aufgemacht um vor Ort zu recherchieren. Glücklicherweise kam er wieder zurück. Im Gepäck eine Reisereportage.
Text und Fotos: Ruben Quaas
> Erst kurz vor der Landung bricht das Flugzeug durch die dichte Wolkendecke über Kolumbiens Hauptstadt Bogotà. Das Ziel unserer Reise ist der Eje Cafetero, das wichtigste Kaffeeanbaugebiet Kolumbiens, wo wir auf einer kleinen Kaffeeplantage mitarbeiten wollen. Der Eje Cafetero ist zwar hunderte Kilometer von Bogotà entfernt, aber um dorthin zu gelangen, muss man zwangsläufig mit Zwischenlandung in der Hauptstadt anreisen. Wir bleiben einige Tage in der Millionenmetropole und sammeln die ersten Eindrücke von Land und Leuten – und ihren Kaffeegewohnheiten. Viele schöne Plätze zum Kaffeetrinken findet man in den kleinen Bars in Bogotàs ältestem Stadtteil La Candelaria, die meist einen wunderschönen Innenhof und häufig eine eigene Rösterei haben. Getrunken wird der Kaffee in der Regel als Tinto, stark und schwarz und fast immer gut gesüßt, oder als Café con Leche, mit viel Milch. Dass soviel Milch und Zucker verwendet werden, liegt möglicherweise auch daran, dass nach wie vor der Großteil der guten Bohnen ins Ausland verschifft wird, weshalb der Kaffee selbst im Anbauland Kolumbien nicht immer nur ein Hochgenuss ist. Die meisten Kolumbianer zieht es aber ohnehin in eine der mittlerweile an jeder Ecke zu findenden Filialen der kolumbianischen Kaffeehauskette Juan Valdez, die eine Erfolgsgeschichte für sich ist.
Nach drei Tagen in der Hauptstadt steigen wir ins Flugzeug von Bogotà nach Armenia, einer Stadt im Zentrum des Eje Cafetero. Die Propellermaschine fliegt über unberührt scheinendes, von Flüssen durchzogenes Waldgebiet, nach nur vierzig Minuten setzt sie zur Landung auf dem kleinen Flugplatz Armenias an. In der Halle wartet Gonzalo, um uns mit seinem Kleinbus zur Finca zu bringen. Die Fahrt geht durch Armenia, auf den Straßen der nach einem Erdbeben vor zehn Jahren teilweise neu errichteten, mittlerweile verarmten Stadt pulsiert das Leben, der Kaffee ist allgegenwärtig. Kaufhäuser, Bars, Schulen und Banken tragen Anspielungen auf Kaffee oder Bohnen im Namen, an einer Wand prangt eine riesige Wandmalerei über die Geschichte des Kaffeeanbaus, allerorten bieten Straßenverkäufer mit Thermoskannen und Plastikbechern Kaffee an. Als wir die Stadt hinter uns gelassen haben, fahren wir durch endlos scheinende Bananen- und Kaffeeplantagen, sanfte Hügellandschaften in sattem Grün, am Horizont stets die Höhenzüge der Anden. An den Straßenrändern stehen Soldaten, häufig sind Straßensperren aufgebaut, uns lässt man aber immer passieren. Probleme mit der Guerilla habe man hier aber keine, erzählt Gonzalo, schließlich sei der Anführer hier geboren.
Nach fast zweistündiger Autofahrt ist Montenegro erreicht, eine kleine, ebenfalls verarmte Kaffeestadt. Auf dem Marktplatz, auf dem sonst Kaffee gehandelt wird, stehen in langen Reihen die Willys, kleine Jeeps, die für den Transport der Kaffeesäcke eingesetzt werden. Von Montenegro ist es nicht mehr weit bis zu unserem Ziel, der Finca El Carriel. Ein Carriel ist eine für diese Gegend bei den Männern der Landbevölkerung typische Ledertasche, die über die Schulter gehängt wird und in der der Campesino traditionell die Utensilien seines täglichen Lebens aufbewahrt. Ohne Poncho, Hut und Handtasche, so erfahren wir, verlässt hier kein echter Mann das Haus. Die Finca ist ein Familienbetrieb. Sonia, Tochter des Besitzers, führt die Geschäfte. Ihr Vater, Don Juan, sitzt hauptsächlich im Schatten des Hauses und behält alles im Blick. Aber Sonia hat Kinder, ihretwegen wohnt sie in der Stadt, und dann leitet der Mayordomo Alberto das Haus, kümmert sich um die fachgerechte Verarbeitung der geernteten Kaffeekirschen, koordiniert und bezahlt die Pflücker, die nur während der Erntezeit in einfachen Unterkünften auf der Finca wohnen. Um die Verpflegung aller auf der Finca lebenden Menschen kümmert sich Albertos Frau Maria in der Freiluftküche mit Holzofen.
Zehn Stunden täglich, von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr am Nachmittag, arbeiten die Pflücker auf der teilweise steil zum Fluss abfallenden Plantage. Nur die reifen, roten Kirschen werden gepflückt, die grünen, noch unreifen Kirschen bleiben am Strauch, so dass hier einige Zeit später nochmals geerntet werden muss. Diese Methode ist für die Pflücker am aufwändigsten, zumal sie nach abgelieferter Menge bezahlt werden, und auch für den Plantagenbesitzer am teuersten, da mehrmals nachgeerntet werden muss. Zugleich ist dieses selektive Verfahren aber eine Voraussetzung für hochwertigen Kaffee. Am Ende des Tages, wenn die Pflücker mit gefüllten Körben aus der Plantage zurückkehren, steigen sie zuerst auf den kleinen Turm der Finca. Oben werden die gesammelten Kirschen überprüft und gewogen, ein erfahrener Arbeiter schafft zwischen 60 und 100 Kilo täglich, wir natürlich viel weniger. Danach werden die Kirschen in einen Holztrichter geschüttet und kommen in den Pulper, in dem die Bohnen durch ein Walzwerk von Schale und Fruchtfleisch, der Pulpe, befreit werden. Diese Verarbeitung muss bald nach der Ernte geschehen, da die gepflückten Kirschen schnell verderben. Die Bohnen werden dann fermentiert, gewaschen und am Ende zum Trocknen auf einem Holzgestell ausgebreitet, wo sie mehrere Tage liegen und, um Fäulnis zu verhindern, immer wieder gewendet werden müssen. Diese Arbeit übernimmt Don Juan persönlich. Erst jetzt sind die Bohnen versandbereit und werden, in Säcken verpackt, mit den Jeeps zum Pazifikhafen nach Buenaventura gebracht.
Täglich nach der Arbeit treffen sich die Pflücker an Marias Kochstelle. Zu jedem Essen gehört eine kräftige Sancocho, eine Suppe, deren Zutaten wie Plátanos, Kochbananen, und Yucas, geschmacklich an Kartoffeln erinnernde Wurzeln, alle auf der Finca wachsen. Zum Abschluss gibt es auf dem Herd gerösteten Kaffee. Eine alte Blechschüssel und eine Handvoll Kaffeebohnen werden hervorgeholt, dann werden in der auf ganz grob gestellten Kaffeemühle die feinen Pergamenthäutchen der getrockneten Bohnen entfernt. Die Rohbohnen wirft Maria in die Schüssel, setzt diese auf die Feuerstelle, dann wird im Wechsel gerührt. Das ist wichtig für die Gleichmäßigkeit der Röstung, die fast eine halbe Stunde dauert. Gekühlt werden die Bohnen danach nicht, sondern direkt in der großen Handmühle gemahlen und das Pulver aufgegossen. 
Zum Abschluss unserer Zeit in der Kaffeezone wollen wir noch die Hauptattraktion der Gegend besuchen, den Parque Nacional del Café. Im Stil nordamerikanischer Freilichtmuseen soll der Park Kaffeeanbau und -verarbeitung zeigen, außerdem findet man Achterbahn und Wasserrutschen. Der Kaffee-Rundweg geht an verschiedensten Arten und Sorten von Kaffeesträuchern vorbei, an denen die unterschiedlichen Bohnensorten und Methoden im Kaffeeanbau demonstriert werden. Ein Parkangestellter zeigt die Stadien des Kaffeeanbaus von der Bohne bis zur Pflanze: Bald nach dem Einpflanzen wächst die Bohne auf der Spitze eines Keims aus der Erde, passend „Streichholz“ genannt. Sobald die ersten Blätter sprießen, werden die Pflänzchen mit Stroh oder Bananenblättern vor der Sonne geschützt und bald in schwarze Plastiksäckchen umgetopft. So gehen sie dann in den Verkauf und werden schließlich auf den Plantagen eingepflanzt, meist in Kurven- oder Spiralform, um eine Erosion des Untergrunds zu verhindern. Zwar können Kaffeebäume bis zu zehn Meter hoch werden, doch als Nutzpflanze werden sie regelmäßig gestutzt. So tragen sie mehr Kirschen und können besser abgepflückt werden. Auch die Geräte zur Verarbeitung der gepflückten Kirschen werden im Park ausgestellt und die Funktion demonstriert. Am Ende des Rundgangs lockt die „Show del Café“ in die große Halle. An die zwanzig Tänzerinnen und Tänzer in den unterschiedlichsten Kostümen bieten eine großartige tänzerische Darbietung über Kolumbien, seine Bewohner, Natur und Kultur. Auch wenn der Bezug zum Kaffee nicht immer deutlich wird, die temperamentvolle Aufführung begeistert uns und alle anderen Zuschauer. 
Auf der Rückfahrt nach Armenia stoppen wir schließlich noch in Salento, einem Dorf mit für die Gegend typischer Architektur, das heute fast ausschließlich vom Tourismus lebt. Es gibt eigentlich nur eine Straße im Ort, und als wir die erste, winzige Bar betreten, trauen wir unseren Augen kaum. Auf der Theke steht eine uralte Victoria Arduino, eine der ersten Espressomaschinen, gebaut in Italien Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts und heute wohl kaum mehr bezahlbar. Wir erfahren, dass sie leider nur am Wochenende benutzt wird. Die Enttäuschung währt allerdings nicht lang, denn in der nächsten Bar drei Häuser weiter steht noch solch ein uraltes Gerät, diesmal heiß und einsatzbereit. Wir bekommen nicht nur Kaffee, sondern dürfen die Maschine ausnahmsweise auch selbst bedienen. Beim weiteren Bummel entdecken wir dann noch zwei weitere Victoria Arduinos. Anscheinend, so geht es uns durch den Kopf, hat hier vor etwa hundert Jahren ein geschickter italienischer Vertreter das Geschäft seines Lebens gemacht.
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