Wie kann man wohl am besten im schwer angesagten Münchner Glockenbachviertel auffallen? Der größte Effekt ließe sich erzielen, mutmaßte unlängst der Autor des „Streiflichts“ in der Süddeutschen Zeitung, wenn man in einer Kneipe eine Portion deutschen Filterkaffee bestellt. Man müsse die Order nur laut genug durch den Raum rufen, etwa so, wie ein Bankräuber sein „Hände hoch!” intoniert.
„Schon werden alle Gespräche verstummen, da und dort wird das Wort ‚peinlich’ zu hören sein, und dann werden, als säße ein Gespenst im Lokal, alle Blicke dem Rufer gelten – Blicke, in denen Verachtung zu lesen ist, vereinzelt aber auch Bewunderung ob solcher Tollkühnheit. Deutscher Filterkaffee! Wo es doch Espresso gibt, Cappuccino oder Caffe corretto, ganz zu schweigen vom Latte macchiato“ – der sich zum Filterkaffee verhält wie der Ferrari zum Volkswagen. Ob der Filterkaffee-Freund einfach nur ignoriert oder gleich hinausgeworfen wird, hänge vom Temperament des Wirts ab. In jedem Fall werde der komische Gast unvergessen bleiben, vermutet die Süddeutsche Zeitung.
Als Vater des Filterkaffees gilt – der Legende nach – der Pole Franz Georg Kolschitzky. Dessen Geschichte ist eine Episode in Heinrich Eduard Jacobs Werk „Sage und Siegeszug des Kaffees. Die Biographie eines weltwirtschaftlichen Stoffes“, das der Münchner oekom verlag 2006 in einer kommentierten Neuauflage für alle Freunde der schwarzen Bohne wieder zugänglich gemacht hat. Darin beschreibt Jacob die Kulturgeschichte des Kaffees und seinen „Siegeszug“ vom „Wein des Islam“ bis hin zum Status als beliebtestes Getränk Mitteleuropas. Aber zunächst zur Kolschitzky-Legende: Wien war 1683 gerade von der zweiten Türkenbelagerung befreit, als Wiener Bürger in den feindlichen Hinterlassenschaften hunderte Säcke mit seltsamen Bohnen fanden. Sie hielten diese zunächst für Kamelfutter und wollten sie verbrennen. Da kam der Kriegsheld Kolschitzky vorbei, der lange bei den Osmanen gelebt hatte, erkannte den Kaffee in den Säcken und gründete mit diesem Kapital das erste Kaffeehaus. Damals hatten die meisten Wiener Intellektuellen bereits von Kaffee gehört oder gelesen, ihn aber noch nicht getrunken. Als ihn Kolschitzky schließlich servieren ließ, schmeckte ihnen der „Türkendreck“ nicht, das Kaffeehaus lief nicht gut an. „Gut!“ sagte sich Kolschitzky, „Wenn meinen Gästen der türkische Kaffee nicht schmeckt, müssen wir ihn wienerisch machen!“ Also nahm er ein Sieb und entfernte den Satz, goss also den „flüssigen Kaffeestaub weg, der die Wiener zum Husten brachte.“ Zudem „nahm er eine Messerspitze von frischem, jährigen Bienenhonig, rührte ihn in den Trank hinein und milderte obendrein seine Stärke, indem er drei Löffel Milch hinzugoß.“ Damit hatte er den Filterkaffee und die Melange erfunden – und die trinkt seither alle Welt.
Heute weiß man, dass das erste Wiener Kaffeehaus 1685 von einem Armenier namens Johannes Diodato gegründet wurde – vor über 75 Jahren, als Jacobs fünf Jahre lang für das Buch recherchierte, galt die Kolschitzky-Legende noch als verlässlich. Das ist auch der Anspruch des Autors. Er sieht sich selbst als Chronist und als Geschichtenerzähler, also als Dichter, dessen Ziel ist, über den Kaffee zu erzählen, um über die Entwicklung der modernen Welt zu berichten. Dabei stellt er zum einen oft und ausführlich die Menschen in den Mittelpunkt, die mit dem Kaffee zu tun haben. Zum anderen baut Jacobs sein Werk auf als „Biographie eines Stoffes“, der Stoff „Kaffee“ spielt dabei die Hauptrolle eines „tausendjährigen, treuen und machtvollen Begleiters der ganzen Menschheit. Eines Helden.“ Diese Art, eine „Stoffgeschichte“ niederzuschreiben, war seinerzeit neu. „Kaffee“ war in seiner Erstauflage 1934 eines der ersten Bücher, die einen Stoff in den Mittelpunkt einer Geschichte stellen und in literarischer Form über den „Helden“ Kaffee erzählen. Jacob wurde damit für die Neue Deutschen Enzyklopädie zum „Vater des Neuen Sachbuchs“.
Im Sinne der Biographie erzählt Jacobs die Geschichte des Kaffeekults chronologisch. Er beginnt mit dem „Wein des Islam“ und der Ausbreitung des Kaffees in der islamischen Welt. Im zweiten Kapitel „Die Gesundheit der Nationen“ zeichnet Jacobs den Weg des Kaffees in Europa nach und beschreibt, wie kontrovers das wach machende Getränk von den Wein- und Biertrinkern aufgenommen wurde. „Pflanzer, Krämer, Könige“ handelt von den ersten Kaffeeplantagen und damit von den Anfängen der modernen Kaffeeökonomie. Das vierte Kapitel „Kaffee und das Neunzehnte Jahrhundert“ handelt vor allem von der Kaffeekultur in Europa, ergänzt um eine Darstellung der Produktion und des Börsenhandels. Hauptproduzent war bereits zu Jacobs Zeiten Brasilien. Das Schlusskapitel ist daher der „Diktatur Brasiliens“ gewidmet, es bezieht seine besondere Spannung aus den Augenzeugenberichten Jacobs, der das Land für seine Recherche mit dem Zeppelin bereist hatte. Später ergänzte Jacobs sein Werk um „Nachschrift und Ausblick“ und ergänzte damit die Kaffeegeschichte bis Anfang der fünfziger Jahre.
Jacobs’ Hauptteil dieser erweiterten Neuauflage ist also bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert entstanden. Wer es heute liest, kann sich über die ungewöhnlich gehaltvolle Sprache freuen, „oft pathetisch und reich an Ornamenten“ wie die Herausgeber kommentieren. Gleichzeitig kann an einigen Stellen das Weltbild des Autors irritieren, etwa wenn er über „das arme Volk“ schreibt, „dem schließlich alles gleichgültig ist“ oder über die „gehirnliche Wirkung“ des Kaffees, unter welcher das „Harmoniebedürfnis gerade der besten Frauen“ möglicherweise leiden könne. Verglichen mit anderer Literatur aus dieser Zeit, bemerken die Herausgeber, sei Jacobs’ Werk aber ein „leidenschaftliches Plädoyer über Weltoffenheit“, in dem vor allem von der Belagerung Wiens durch die Türken „ohne kulturelle Arroganz“ erzählt werde. Die Kommentare und Ergänzungen der Herausgeber sind gelungen, weil sie helfen, das Werk historisch einzuordnen. Im Kapitel über Werk und Leben des Autors erfahren wir, dass Jacobs 1938 als Jude und Gegner des Nationalsozialismus verhaftet und in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald brutal misshandelt wurde. Mit Jens Soentgens Essay „Bio, Transfair und mehr: Die Kaffeewelt seit den 1950er Jahren“ deckt das Werk auch die aktuelle Kaffeewelt ab und macht das Buch zu mehr als „nur“ einer historisch bedeutsamen Schrift. Soentgen geht vor allem auf zwei Schattenseiten des Kaffeesiegeszuges ein. Zum einen auf die sozialen Folgen der Kaffeewirtschaft – etwa den Bedingungen, unter denen die weltweit 25 Millionen Kaffeebauern leben. Zum anderen auf die ökologischen Folgen des Kaffeeanbaus, für den in vielen tropischen Regionen enorme Flächen an Regenwald geopfert wurden. Zur Entwicklung des Kaffeeanbaus und seinem Konsum bietet das Buch auch zahlreiche Grafiken. Was fehlt, ist ein Register, um gezielt nach Personen oder Begriffen suchen zu können.
Alles in allem ein gelungenes Buch, weil den Herausgebern eine hervorragende Melange aus einem herausragenden historischen Text und aktuellen Kommentaren und Ergänzungen gelingt. Es ist ein informatives und überaus unterhaltsames Sachbuch, kein bildlastiges Coffee Table Book. Zu dieser Gattung verhält es sich in etwa wie eine Tasse „Blue Mountain“ zu den farbenfrohen „Grands Crus“ von Nespresso.
Heinrich Eduard Jacob. 2006. Kaffee: Die Biographie eines weltwirtschaftlichen Stoffes. Reihe Stoffgeschichten, Band 2, Herausgegeben von Armin Reller und Jens Soentgen. München: oekom. 357 Seiten, 24,90 Euro, ISBN978-3-86581-023-6
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