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Die Leute müssen doch informiert sein

Der Barista Paolo Bernini versorgt seine Kunden in Bologna nicht nur mit Espresso, sondern auch mit Formularen für den Kirchenaustritt.

Text und Fotos: Sandro Mattioli

Paolo Bernini Barista in Rom hantiert am Siebträger

In einer Bar an einer Straßenecke im Zentrum von Bologna singt Frank Sinat­ra seine größten Hits. Paolo Ber­nini steht hinter dem Tresen, füllt die Schüs­sel mit den Zuckerpäckchen auf und schimpft dabei lautstark über die katholische Kirche und einen Priester in Bolog­na, der sich an Kindern vergangen hat, aber nicht aus dem Amt entfernt wurde. Man hat ihn nur versetzt. Dann singt und summt und pfeift er wieder mit. „That’s life“, schmettern Frank Si­natra und Paolo Bernini im Duett. Viel­leicht muss man Bernini als kleinen Buben vor Au­­gen haben, um ihn zu verstehen. Neun Jahre alt, seine Mutter hat er gerade verloren, sie ist gestorben, seinen Va­­ter hat er nie kennengelernt, aufgewach­­sen in der norditalienischen Pro­vinz, in einem kleinen Dorf bei Parma. Je­­de Orientierung weg. Was macht so et­was mit einem Kind?

Paolo Bernini ist bester Laune an diesem son­nigen Morgen. „That’s amore“, steht an der Tür seiner  kleinen Bar, der Titel ei­nes Hits von Dean Martin. „Glocken wer­­den klingeln, tingalingeling, tingalinga­ling, und Du wirst singen, ein schö­­nes Leben“, heißt es in dem Stück. Drau­­ßen rumpelt ab und an ein Bus vorbei, bunt gekleidete Studenten gehen zu der wenige Schritte entfernten Fakultät für Tanz und Theater. Paolo Bernini, der mit seinen kurzen blonden Haaren und der braunen Haut jünger aussieht als 42 Jahre, hat in dieser Bar seinen Platz gefunden – im Arbeitsleben wie in der Gesellschaft. Ei­gentlich geht es so: Man stellt sich an den Tresen, bestellt, bezahlt, stürzt den Es­­­pres­so hinunter.  Vielleicht wechselt man, wenn man gut gelaunt ist, ein paar freund­­­liche Worte mit dem Barista, be­vor man wieder hinaus und weiter durch sein  Leben geht. Millionenfache Routi­ne, täglich, überall in Italien. Bei Paolo Ber­­ni­ni ist das anders. Bernini mag kei­ne Routine. Er mag es nicht, wenn sich Ver­­­­haltens­weisen einschleifen, feste Ab­läu­­­fe einschleichen. Wenn man bequem wird, denkfaul, den Fernseher aus Ge­woh­­n­­­heit anmacht. Wenn man Sachen nicht mehr hinterfragt. Bernini kämpft ge­­­gen den Alltag. Aussenansicht der Espressobar in Rom

Ein älterer Mann mit langen grau­­­­en Haaren kommt zur Tür herein und grüßt nickend. Wie ein in die Jahre ge­­kom­mener Hippie sieht der Gast aus, aber elegant gekleidet. „Hast du die Show gestern gesehen?“, fragt er. Paolo Ber­­­nini grinst. Die ganze Stadt ja das gan­­­ze Land redet über diese Talkshow, und das freut Bernini über die Maßen: „Das war eine kleine Revolution“, sagt er. Und Revolutionen gefallen ihm, da kann es keinen Zweifel geben, und seien es auch nur kleine wie diese. Italiens Pre­mier­­­minister Silvio Berlusconi hatte näm­­­lich im Vorfeld wichtiger Wahlen kur­­­zerhand sämtliche politischen Tal­k­shows aus dem Fernsehen verbannt. Ein wi­­­der­borstiger Showmaster verlegte sei­ne Show aber einfach aus dem Fern­seh­stu­­dio in eine Sporthalle nach Bologna. Die Übertragung lief über das Internet. 120.000 mal sei die Show in ganz Italien ge­­la­den worden, sagt Paolo Bernini triumphie­­rend. Später ermittelten die Sta­tis­ti­ker eine sensationelle Reichweite von 13 Prozent aller Zuschauer. „Einen Kaffee wie üblich?“, fragt Ber­nini. Der Mann mit den grauen Haaren nickt.

Die Bar that’s amore hätte perfekt in die­se gebannte Show gepasst. Ber­nini, der täglich außer am Sonntag die Tür zu sei­­ner kleinen Bar aufschließt, ist widerbor­stig, will die Welt wei­­ter­bringen, im Klei­­n­en, mit Worten. „Als ich das Lokal über­­­nommen habe, gab es hier einen Fern­­­seher, eine konserva­tive Zeitung und ein Sportmagazin. Al­le drei hab ich so­­fort ent­fernt“, berichtet er. Jetzt liegt da ei­ne un­­abhängige kritische Tageszei­tung, da­zu jede Menge Flug­blätter. Drau­ßen auf der Straße steht eine Tafel. Ber­nini schreibt Sätze darauf, die ihm wichtig sind. Als erstes war dort zu lesen:  „Wer heu­­te die Zwan­zigerjahre wieder her­bei­sehnt [also die Zeit Mussolinis], hat da­mals nicht ge­lebt.“  Bernini will freundlich provozieren, er sucht den Austausch, gibt Denkanstöße und Informationen, stellt sich gegen den Strom. Das kommt nicht immer gut an. Ein­­­mal hatte er wieder die katholische Kir­­­­che mit einem Spruch auf seiner Ta­fel kritisiert: „Die Arroganz des Klerus hat die Frau auf die Sklavenrolle be­­grenzt“, stand da, „und die Priester verwei­­gern sich der Liebe und der Familie, aber sie wollen über Leben und Tod entscheiden.“ Plötzlich war die Tafel ausgewischt. Bernini schrieb erneut. Wieder wur­­­­den die Wörter gelöscht. Doch Paolo Ber­­­­nini erwischte die Täterin. „Das können Sie nicht schreiben, nicht gegenüber ei­­­ner Kirche“, schrie sie ihn an. Wer aus Pao­­lo Berninis Bar blickt, schaut di­rekt ei­­­nem Heiligen in die Augen, der ge­genüber auf einem Vorsprung der Fassade der Kirche des Heiligen Paulus thront. „Schämen Sie sich!“ Der Barista ist ein Verächter von echtem Pelz

Solche Begegnungen fordern ihn heraus. Es sei seine Tafel, antwortete er der Frau, er könne darauf schreiben, was er wolle. Dann probierte Bernini, auch ihr klarzumachen, dass in der kat­ho­li­­schen Kirche so viel schieflaufe und man besser – wie er es getan hatte – seine Tau­­fe widerrufen solle. Erfolg hatte er keinen bei ihr. Paolo Bernini ist nicht nur anti-klerikal in ei­nem der katholischsten Länder der Welt. Nein, Paolo Bernini ist eine Mehr­fach-Minderheit: Er ist schwul und steht dazu. In der italienischen Gesellschaft ver­­­­­zwei­felt er – und gedeiht. Sein Kör­per zeich­­­net sich unter seinem enganliegen­den T-Shirt ab, er ist durchtrainiert. Da­zu trägt er eine Intellektuellenbrille mit dick auf­­­tragenden Bügeln. Für Para­dies­vögel wie Bernini ist das links ge­prägte Bo­logna ein gutes Umfeld. Ob­wohl er seine ei­­­gene Bar erst vor zwei Jah­­ren eröffnet hat, kennen ihn viele in der Stadt schon. Von dem Barista erzählt man sich, dass er Leute im Pelzmantel gleich wieder aus sei­­ner Bar werfe. „Das stimmt so nicht“, sagt Bernini, das dürfe er im Übrigen auch nicht, sonst könne man ihn an­zei­gen. Auch Besucher im Pelz be­kämen ei­­nen Kaffee bei ihm, aber er sprec­he sie na­­tür­lich auf den Pelz an. Vie­le Men­schen wüssten nicht Bescheid, was sie an­­­­ziehen. Aber die Menschen müs­­­sen doch informiert sein! Dann zieht er ei­nen Sta­­pel Blätter unter dem Tre­sen hervor. „Weißt du, was du da trägst? Sic­her nicht, sonst würdest du es nicht an­zie­hen!“, steht in großen Buch­staben oben auf dem Blatt, das über die Haltung von Pelz­tie­ren, auch von Hun­den und Kat­­­zen, auf­­klärt. Anschließend kramt er ei­­­ne Plas­tiktüte hervor. „Das sind Pelz­kra­­gen, ich finde die eklig.“ Mit spit­zen Fin­­­gern zieht er einen haarigen Strei­fen her­aus. Man­che Gäste knöpften ih­re Kra­gen an Ort und Stelle ab und ließen sie ihm da. Was er mit ihnen macht? „Ich wer­­fe sie weg“, sagt er und verzieht das Ge­­­sicht, als müsse er die Fellstücke essen.

Paolo Bernini hat zu vielen The­men Flugblätter da. Sein Lieblingsthema ist die katholische Kirche. Er hat sogar ein Formular vervielfältigt, mit dem man sei­ne Taufe beim Amt widerrufen kann; man wird somit aus dem Register der Kir­chen­mitglieder gelöscht. „Es ist ein lan­ger Weg, die Leute zu sensibilisieren“, sagt er. Als Schwuler, berichtet er, wer­­de man in Italien oft mit Pädophilen in ei­­nen Topf geworfen. Auf einem Com­pu­­terbildschirm in seiner Bar laufen Fil­me, die die Verfehlungen der Kirche the­ma­tisieren. Früher, als er während des Militär­­dienstes zum ersten Mal hinter ei­nem Bartresen stand, kümmerte ihn die Kir­che nicht. Doch vor fünf Jah­ren hat sich das geändert. Da fing er an, sich in­tensiv mit der Kirche auseinan­der­zu­setzen. Religionsfeindlich im All­ge­mei­nen ist er nicht, er hat durchaus ei­ne differenzierte Sicht. „Jesus ist eine tol­le Fi­gur“, sagt er, schließlich war auch Je­sus ein Revolutionär. „Er war der Erste, der sagte, wir sind alle gleich. Und das nicht vor zweihundert, sondern vor zweitau­­send Jahren. Wenn er doch bloß be­achtet wer­den würde!“  Schicke Lampendeko in der Espressobar in Rom

Dennoch bringen ihn keine zehn Pferde mehr in ein Gotteshaus zurück. „Ich möch­te in keiner Weise Komplize des Re­gimes sein: nicht in der Politik mit Ber­­­­­lus­coni und nicht in der Kirche. Ich kann wohl nichts ändern, aber wenn ich un­­­­tätig wäre, könnte ich nicht ruhig schla­­­­fen.“ Jeden Monat bezahlt er die Mie­­­te für sei­­­ne Bar, der Empfänger: „ Ope­­ra Dioc­e­sana“, die Kurie von Bo­lo­g­­­­na. Bernini kann trotzdem ruhig schla­­­fen: „Für jeden Eu­­ro, den ich ihnen zah­­le“, sagt er, „bringe ich ein Kir­chen­mit­­­glied dazu, seine Tau­­­fe zu widerrufen.“

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