Der Barista Igor Lo Nano in Palermo weigert sich, Schutzgeld an die Mafia zu bezahlen.
Libero Grassi war allein. Der Chef eines Modeunternehmens mit hundert Mitarbeitern in Palermo hat sich 1991 geweigert, Schutzgeld an die Mafia zu bezahlen. Er forderte Unterstützung von der Stadtverwaltung, bat Institutionen um Hilfe, veröffentlichte gar einen Brief an seine Erpresser in der Zeitung. Wenige Tage später wurde er auf offener Straße von einem Mafia-Boss erschossen. Igor Lo Nano ist nicht allein. Ungefähr zur selben Zeit, als er seine Bar in Palermo eröffnete, klebten auf einmal in der ganzen Stadt merkwürdige Zettel: „Ein ganzes Volk, das Schutzgeld bezahlt, ist ein Volk ohne Würde“, stand darauf. Diese Zettel waren sozusagen die Geburtsurkunde einer Initiative, die sich zu einer regelrechten Bürgerbewegung entwickelt hat: der Addio-Pizzo-Verein, zu deutsch: Tschüss Schutzgeld. Ein paar Jugendliche hatten sich vor mehr als sechs Jahren zusammengeschlossen, um gegen diese Form der Erpressung zu protestieren. Igor Lo Nano gehört nicht zu den Gründern, schloss sich der Gruppe aber schnell an. Für ihn sei es ohnehin immer schon klar gewesen, kein Schutzgeld an die Mafia zu zahlen, sagt er. Das habe er seinen Freunden oft gesagt, auch als es die Addio-Pizzo-Bewegung noch nicht gab. Dass sie jetzt da ist, macht es aber einfacher.
Das historische Zentrum von Palermo ist braun, chaotisch, eng und verwinkelt, wie in einem Krimi, es wirkt einschüchternd. In der Altstadt sieht man, dass viele Kulturen die Stadt geprägt haben: römische Ruinen, der Palast der Normannen, byzantinische Mosaiken, christliche barocke Kirchen. Nur eine Kultur zeigt sich nirgendwo, obwohl sie die gesamte Stadt zeitweise fest im Griff hatte und noch heute beherrscht: die Cosa Nostra, wie die sizilianische Mafia genannt wird. Sie wirkte schon immer im Verborgenen und tut es noch heute. Die Addio-Pizzo-Gruppe hat ihr Tun ein Stück weit ans Licht gezerrt. Wie die meisten italienischen Gruppen der organisierten Kriminalität verdient auch die Cosa Nostra ihr Geld mit Drogen- und Waffenhandel, mit Müllgeschäften und im Bausektor. Aber eben auch mit der Erpressung von Schutzgeldern. Dieser Geschäftszweig bringt zwar vergleichsweise wenig Umsatz, bedrückt dafür aber den lokalen Handel umso mehr, setzt die Händler einem hohen Risiko aus und verzerrt den Wettbewerb. Teilweise mussten Unternehmer bis zu dreißig Prozent Ihres Umsatzes an die Kriminellen abgeben.
Die Bar von Igor Lo Nano und seiner Freundin Patrizia Legnazzi liegt einige Kilometer von der Altstadt entfernt in einem kleinen italienischen Paradies namens Freiheit, „Libertà“. Ein lichtes und geordnetes Wohnviertel, ein Park liegt nahe. Die Häuser hier sind von Gärten umgeben, die Autos vor den Ampeln reihen sich sauber in zwei Reihen. Leute, die an der Bar-Tür vorbeigehen, rufen den beiden Barista ein freundliches „Hallo!“ entgegen. Doch trotz aller Ordnung, die Cosa Nostra betreibt ihre schmutzigen Geschäfte auch hier. Und Schutzgeld wird hier ebenfalls gezahlt. Sechs Tage die Woche stehen Igor Lo Nano und Patrizia Legnazzi hinter der blauen Theke des „Pausakaffè“. Sie betreiben das Lokal gemeinsam. „Es ist unangenehm zu sagen, dass man das Opfer des Pizzo ist“, sagt Igor Lo Nano. Deswegen sei in der Vergangenheit kaum über das Thema gesprochen worden. Für ihn habe seine Weigerung, Schutzgeld zu bezahlen, aber nur Vorteile, sagt er. Einige Kunden kommen extra deswegen ins „Pausakaffè“. Und die Addio-Pizzo-Gruppe bringt immer mal wieder einen Bus voller Leute vorbei, sie organisiert nämlich auch Reisen zum Thema Mafia auf Sizilien. Man fragt sich dann, wie all diese Leute in diesem schmalen Raum Platz finden. Letztlich ist das aber nebensächlich, weil man in Sizilien ohnehin fast das ganze Jahr draußen sein kann, so warm ist es.
„Man kann sich fragen, was besser ist: die Angst, einmal Nein zu sagen oder die kontinuierliche Angst vor den Erpressern“, sagt Igor Lo Nano.Lo Nano ist das, was man umgangssprachlich als eine Type bezeichnen würde. Seine Haare hat er abrasiert, er schaut einen mit einem treuen und wachen Blick an, seine Haut ist so hell, als würde er im äußersten Norden von Europa leben – und nicht in dessen Süden. Er wirkt sportlich und doch schlaksig. Obwohl er erst 34 Jahre alt ist, hat er schon einiges an Geschäftserfahrung. Bevor er Barista wurde, hat er Handyverträge verkauft und auch einen Motorradladen hatte er. Nicht ein einziges Mal wurde er nach Schutzgeld gefragt. Lo Nano vermutet, dass die Schutzgeldeintreiber sich vorher über ihre Opfer informieren. Denn andere Geschäfte in dem Viertel bezahlen den Pizzo. An der Tür des „Pausakaffè“ hängt ein Schild: „Eintritt für Hunde verboten“. Direkt darüber ein Aufkleber, der die Besitzer als Unterstützer von Addio Pizzo kennzeichnet. Das Zeichen bedeutet so viel wie „Eintritt für Mafiosi verboten“. Denn die Erpresser wissen, dass die Addio-Pizzo-Unterstützer sich verpflichtet haben, ihre Erpresser anzuzeigen und das auch tun. „Unlängst hat ein Mafioso nach seiner Verhaftung zu den Ermittlern gesagt, dass Addio Pizzo sein Geschäft viel härter gemacht habe“, berichtet Lo Nano mit einem schelmischen und freudigen Grinsen. Allein in Palermo haben sich inzwischen fast 500 Unternehmen der Initiative angeschlossen. Für Lo Nano bedeutet die Mitgliedschaft bei Addio Pizzo nicht nur, dass er sich weigert, Schutzgeld zu zahlen. Sie umfasst auch die Verpflichtung, Lieferanten zu bevorzugen, die sich ebenfalls gegen die Mafia stellen. „Der Mozzarella, den wir für unsere Panini einkaufen, ist ebenfalls Pizzo-frei“, erklärt Lo Nano. Er kauft nach Möglichkeit im Supermarkt Coop ein, der ebenfalls zur Pizzo-free-initiative gehört und praktischerweise gleich um die Ecke ist. Und natürlich muss auch der Kaffeelieferant sauber sein. Lo Nano hat sich die Rösterei Morettino ausgesucht, ein alteingesessenes Unternehmen in Palermo, das noch nie mafiöse Verwicklungen hatte. Der Weg zur eigenen Bar war Igor Lo Nano wohl in die Wiege gelegt: Schon als kleiner Steppke hat er seine Eltern gefragt, ob er von dem Espresso, den seine Mutter gekocht hatte, probieren darf. Später testete er die Espressi in unterschiedlichen Bars. So wuchs in ihm der Wunsch, selber einmal Barista zu werden, an der Maschine zu schrauben, das Bestmögliche aus den Bohnen herauszukitzeln.
„Bevor wir unsere Bar eröffnet haben, haben Patrizia und ich dann einen Kaffeetest gemacht und den Kaffee aller palermischen Röstereien getestet“, berichtet er. Palermo ist eine Kaffeestadt, auch wenn sie bei weitem nicht den Ruf wie Neapel hat. Immerhin 15 Röstereien verteilen sich auf die rund 650.000 Einwohner. „Was uns natürlich gleich auffiel, ist der optische Aspekt.“ Die Farbe, Dichte und natürlich die Crema. „Hier in Palermo sagen wir oft: Mach mir einen schönen Kaffee. Selbst wenn das eigentlich nicht korrekt ist, sagen wir trotzdem nicht: einen guten Kaffee.“
Lo Nano fällt es schwer, weniger als fünf Tassen pro Tag zu trinken. „Bis zu sieben Kaffee, meinen die Ärzte, gehe alles in Ordnung“, sagt er, zuckt mit den Schultern und lacht. „Und wenn der Espresso gut gemacht ist, tut es auch nicht weh.“
Jeden Tag stellt er deshalb den Mahlgrad an der Maschine neu ein. „Der Kaffee verändert sich ja auch mit dem Klima, mit der Temperatur.“
Vielleicht wird Igor Lo Nano einmal als Erfinder des Caffè Bronté bekannt. Der Name der Spezialität seines Lokals klingt zwar ziemlich französisch, hat seinen Ursprung aber in der gleichnamigen edlen Pistaziensorte. Dieser veredelte Espresso besteht aus einem normalen Kaffee, einer Haselnuss-Schaumhaube (Haselnuss-Schaum kann man in Italien bereits fertig zubereitet kaufen) und Splittern eben jener Pistazienart. Bisher stehen die Karten für einen großen Erfolg nicht allzu gut: Keine Werbung findet sich in der Bar und für die Italiener, die den schnellen Kaffee für zwischendurch mögen, ist der doch recht gehaltvolle Caffè Bronté zu schwer. Lecker ist die Mischung in jedem Fall. Doch noch etwas dürfte dem Erfolg entgegenstehen: „Ich mache normalerweise keine langen Projekte und experimentiere gerne“, sagt Igor Lo Nano. Wer weiß, vielleicht verkauft er in ein paar Jahren ja Wohnungen oder Baugeräte. Oder aber, und dafür spricht vieles, er hat mit dem Kaffee doch seine wahre Bestimmung gefunden.
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