Hunderte Kaffeepackungen werden am Tag mit frisch geröstetem Kaffee befüllt. Der Kaffee wird jedoch nicht in Freiheit, sondern von inhaftierten Frauen im Gefängnis der Küstenstadt Pozzuoli geröstet und verpackt. 
Text & Fotos: Sandro Mattioli
Wenn du durch die Straßen gehst, mit ihren engen Gassen, die Müllhaufen umkurvend, dann spürst du diese Enge. Neapel, eine wundervolle Stadt, die beste Pizza der Welt an jeder Ecke feilgeboten, Hauptstadt des Kaffees, in die Bucht am Vesuv geschmiegt, tiefblau das Wasser, die Sonne funkelt auf den Wellen, der Horizont ist weit entfernt, aber nicht hier. Zwischen den Häuserfronten in der Stadt und ihren tiefen Schluchten, zwischen den Sandsteinfassaden toben die Kämpfe. Hier und da brennen Müllhaufen, hier und da künden verkohlte Telefonzellen und schwarze Flecken auf dem Boden von bereits erloschenen Feuern. Und über alles legt sich dieser schwere süßliche Duft, dem du nicht entkommen kannst. Motorroller, Fußgänger und verbeulte Autos kämpfen um jeden Quadratmeter Asphalt, doch der wahre Kampf um das Terrain blitzt nur manchmal am Himmel auf: wenn wieder einmal ein paar Feuerwerksraketen in die Luft steigen und sei es auch am glockenhellen Nachmittag. Dann weißt du, dass du manche Viertel besser meiden solltest, dann weißt du, dass die Camorra wieder mal am Werk ist, dann weißt du, dass neue Drogenlieferungen angekommen sind. Die Raketen sind ihre moderne Version der Rauchzeichen. Die Camorra, eine der größten italienischen Mafiaorganisationen, hat Neapel fest im Griff. In der Düsternis, im Gedränge der Altstadt gedeiht die organisierte Kriminalität. Und die Müllhaufen sind ihr Lebenszeichen.
Wenige Kilometer weiter nördlich, die Küste entlang, liegt Pozzuoli. Eine lichte Küstenstadt, eine alte Kirche direkt am Strand, hier tragen die Männer der Stadt zur Patronatsfeier die Heiligenstatue durch die Straßen und schwitzen unter der Last der Figur. Der Himmel ist hier weit, vom Meer aus blickst du auf den nördlichen Ausläufer der Bucht, eine wunderschöne wildromantische Küste. Der Wind bläst frische Luft durch die Straßen. Mitten in der Stadt steht ein geducktes Haus: eine große breite Tür in der Mitte, rechts und links zwei Fenster, deren geschlossene Läden keine Einblicke erlauben. Nur die Europa- und die Italienfahne neben dem Eingang verraten, dass es sich hier um ein besonderes Gebäude handeln muss. Einen Gefängniseingang stellt man sich mächtiger vor, mit einer hohen Betonmauer und Videokameras. Und dennoch geht es hier in das Frauengefängnis der Stadt. Rund zweihundert Inhaftierte leben hier, die meisten von ihnen wegen Raub, Drogengeschäften und Betrug. Es sind aber auch Mörderinnen darunter. Bis zu zehn Frauen wohnen in einer Zelle.
„Das Gefängnis ist eine Einrichtung ohne Sinn“, sagt Paola Maisto. Die Sonne scheint ihr ins Gesicht. Die junge Frau steht im Innenhof, viel Grün ist um sie herum. Im Schatten eines Baumes ist ein Kinderspielplatz angelegt, eine große Rutsche im Zentrum. Maisto könnte auch zu einem Modeshooting gekommen sein: Sie trägt eine elegante hellbraune Jacke, die farblich perfekt auf die dunkelbraune Bluse abgestimmt ist, dazu eine chice Sonnenbrille, trendige Jeans und Wildlederstiefel. Für so oberflächliche Sachen ist die junge Frau jedoch nicht zu haben. Sie ist angetreten, dem Knastaufenthalt mehr Sinn zu geben: Gemeinsam mit zwei Freundinnen hat sie eine Kaffeerösterei hinter den Mauern aufgebaut, die einzige von Frauen betriebene Gefängniskaffeerösterei in Italien. „Wir wollen den Insassen hier zeigen, wie man Verantwortung übernimmt“, sagt Paola Maisto. „Die Frauen haben draußen oft noch nie gearbeitet.“
Es gibt noch eine weitere Rösterei wie die in Pozzuoli, allerdings in einem Männergefängnis in Turin. Rund ein Jahr läuft das Projekt in Pozzuoli jetzt schon. Der Verkauf erfolgt exklusiv in italienischen Eine-Welt-Läden, das 250-Gramm-Päckchen zu drei Euro. „Der Absatz ist noch nicht optimal“, berichtet Paola Maisto. Das „Unternehmen“ produziere bisher deutlich mehr, als es verkauft. Maisto ist inzwischen vorausgegangen in einen lichten Raum, die frühere Kantine des Gefängnispersonals. Wo einst Männer in Uniformen aßen und Kaffee tranken, stehen jetzt drei Röstmaschinen für Espressobohnen. Die Eingangstür steht weit offen. Entlang der Wand sind Maschinen aufgereiht, sie glänzen, sie werden gut gepflegt. „Mittlerweile können wir sie auch selber reparieren“, sagt Paola Maisto. Das sei günstiger und überhaupt, warum sollten Frauen nicht auch Maschinen reparieren?
Die hellblauen Trichter, durch die man die Geräte mit den Kaffeebohnen befüllt, sind ohne Kratzer. Eine der Trommeln dreht sich, durch ein Guckfenster sieht man die Bohnen in ihrem Inneren. Über der Maschine spürt man die Hitze; der Duft der aufgeheizten Bohnen kitzelt leicht in der Nase. Die Kaffeeherstellung biete sich perfekt dafür an, Verantwortungsbewusstsein zu fördern, sagt Paola Maisto. „Die Maschinen wollen gepflegt sein, außerdem muss man beim Kaffeerösten sehr achtsam sein, sonst verbrennen die Bohnen.“
In der italienischen Verfassung ist die Rolle des Gefängnisses klar festgeschrieben. „Die Strafen dürfen nicht in Behandlungen bestehen, die im Widersinn zur Menschlichkeit stehen, und sie müssen auf die Resozialisierung des Verurteilten zielen“, heißt es da. Das sei aber oft nicht der Fall, meint Paola Maisto, sie kenne Gefängnisse, in denen die Gefangenen 23 Stunden lang eingeschlossen seien in Zellen zu zehnt oder zwölft. Sie hat in Kampanien schon in mehreren Gefängnissen mit Gefangenen gearbeitet.
Wenn Journalisten die Rösterei besichtigen, geht es meist gemütlich zu, dann läuft nur eine der drei Maschinen zu Demonstrationszwecken. Sonst herrscht hier aber ein strenges Regiment: Um neun ist Arbeitsbeginn, dann produzieren die zwei, drei Frauen von der Kooperative und die derzeit zwei Gefangenen 250 Kaffeepackungen pro Tag. Alle fassen gemeinsam mit an. Um Punkt eins werden die Gefangenen wieder eingeschlossen. Sie dürften aus gesetzlichen Gründen nicht mehr Mitarbeiterinnen haben, als sie Mitglieder in der Kooperative seien, erklärt Paola Maisto. Da sie zu dritt sind, könnten sie noch eine Gefangene einstellen. Erst in der vergangenen Woche habe eine Stammkraft in den Hausarrest gewechselt, jetzt suchten sie nach einer Nachfolgerin. Eine Frau mit möglichst langer Haftstrafe solle es sein. Die Glückliche bekommt dann einen regulären Arbeitsvertrag mit regulärem Lohn.
„Der Arbeitsplatz hier in der Rösterei ist begehrt“, sagt Rosa, eine Frau mit offenem Gesichtsausdruck, hennaroten Haaren und einem freundlich-verschmitzten Lächeln. Sie und ihre Kollegin Concetta sind gerade damit beschäftigt, die Verpackungen mit gemahlenem Kaffee zu befüllen. „Man kann sich relativ frei bewegen und arbeitet außerhalb des Gefängnisses.“ Die Kaffeerösterei befindet sich zwar innerhalb des Gefängnisgeländes, aber Arbeitsplätze außerhalb des Zellengebäudes haben einen anderen Status bei den Gefangenen.
Rosa ist seit dreieinhalb Jahren inhaftiert und von Anfang an bei den Lazzarelle. Sie sei wegen „illegaler Aktivitäten“ hier, sagt sie. Mehr dürfe man über sie nicht erfahren, hatte die Sozialarbeiterin des Gefängnisses gemahnt. Später erzählt Rosa dennoch ein bisschen aus ihrem Leben. „Ich hatte früher ein Geschäft für Putz- und Waschmittel.“ Bei einer Blitzaktion im Jahre 2001 sei sie dann festgenommen worden, „und seitdem stecke ich in Schwierigkeiten: Ich hatte drei kleine Kinder, musste mein Geschäft schließen.“ Jetzt darf sie alle paar Wochen für drei Tage nach Hause, der Kinder wegen. An ihrem Arm trägt sie ein geflochtenes Band, „Alessandro“ ist darauf zu lesen, der Name ihres Sohnes. Nächstes Jahr werde sie entlassen. „Ich hoffe, dass ich dann die Möglichkeit bekomme, neu zu starten. Wenn es draußen Arbeit gibt, bin ich sofort dabei!“, sagt sie, fügt dann aber hinzu, dass es keine gebe. Vielleicht können die Mitglieder der Kooperative sie darin bald eines Besseren belehren. Denn Paola Maisto und ihre Kolleginnen haben Kontakt zu Röstereien in Neapel aufgenommen, um ihren Schützlingen eine Stelle für die Zeit draussen vermitteln zu können.
Schon jetzt dürfen die Mitarbeiterinnen von Caffè Lazzarelle, so der Name der Gefängniskooperative, manchmal im Auftrag der Rösterei das Gefängnis verlassen. Bei Messen stehen sie dann am Stand und preisen gemeinsam mit ihren Kolleginnen von der Kooperative ihren Kaffee an. Man kann dann nicht unterscheiden, wer frei lebt und wer nicht. Paola Maisto und ihre zwei Kolleginnen müssen zwar vor einem solchen Ausflug beim zuständigen Staatsanwalt die Genehmigung einholen, doch der Beamte vertraut den drei Frauen von der Kooperative inzwischen. Auch die Zusammenarbeit mit der Gefängnisleitung läuft bestens. „Die Direktorin fand unser Projekt von Anfang an gut“, berichtet Paola Maisto.
Eine Freundin von ihr habe die Idee gehabt, eine Rösterei im Gefängnis aufzubauen. Mit der Unterstützung der Leitung im Rücken haben die Frauen dann ein Konzept ausgearbeitet, das sie der Region Kampanien präsentierten. Das war vor fünf Jahren. Drei Jahre später kam das O.K. von der Regionalverwaltung, die Kooperative bekam 70.000 Euro zur Verfügung gestellt, um den Maschinenpark für die Rösterei anschaffen zu können. Aus den Jutesäcken, in denen die Kaffeebohnen geliefert werden, fertigen die Frauen inzwischen Taschen, alles in Handarbeit. Paola Maisto würde gerne zusätzlich eine Parallel-Rösterei aufbauen, draußen, in Freiheit. Und auch dem Vize-Gefängnisdirektor Arturo Rubino schwebt eine Erweiterung vor. Bisher bieten die Frauen von Lazzarelle schon einen Catering-Service an. Er könnte sich auch vorstellen, ein Lokal aufzumachen, das an der Grenze zwischen Freiheit und Haft angesiedelt ist. Bedienen und Kochen würden dann Gefangene, doch die Gäste kämen von „draußen“. Aber bis dahin müssen die Frauen erst einmal den Kaffeeverkauf ankurbeln.
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