Im vorigen Teil schilderte der amtierende deutsche Latte-Art-Meister den Gewinn seines Titels. Im zweiten Teil erfahren Sie nun, wie es ihm bei den Latte-Art-Weltmeisterschaften in Maastrich in den Niederlanden erging. (Teil 2)
In der letzten Ausgabe hat uns der amtierende Deutsche-Latte-Art-Meister Matthias Hoppenworth erzählt, wie er zur Milchkunst kam, wie seine ersten Baristameisterschafen verliefen und wie er die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2011 in Maastrich erlebte. Dieses Mal erfahren Sie nun, ob er sich schlussendlich in Maastrich gegen internatio- nale Größen durchsetzten konnte. In Maastrich würde nun einiges anders sein als in Hamburg. Der Modus wurde überarbeitet. Die Sensorik flog aus den Regeln heraus. Es gab einen Einheitskaffee und eine Einheitsmilch. Welche das sein würde, wurde im Vorfeld nicht bekannt gegeben. Dadurch waren die Kosten und der Aufwand für den Wettbewerb sehr niedrig. Ich reiste nur mit Schürzen, Lappen und Pitchern an. Großartig! Keine Tassen, keine Mühle, kein Kaffee, keine Milch frisch vom Bauern, die gekühlt werden musste. Außerdem war der Modus zweigeteilt. An der sogenannten Stage-Area war der Modus wie gehabt, allerdings wurden nur zwei Getränkeklassen statt drei verlangt. Free-Pour-Latte und Designer-Pattern-Latte. Free-Pour bedeutet, dass man wie der Name schon sagt, nur gießen darf. Für das Designer-Pattern durften zusätzliche Hilfsmittel benutzt werden, was ich aber nicht vorhatte. Ich wollte, wie auch schon bei der deutschen Meisterschaft, nur gießen. Interessant war der neue Modus an der Bar-Area, wo es darum ging, ein einziges Motiv einem Fotografen zu präsentieren, wofür man zehn Minuten, also quasi unendlich viel Zeit hatte. Die Jury wollte hier sehen, was ohne Druck möglich ist. Alle Teilnehmer beobachteten sich gegenseitig. Die meisten verstanden die Aufgabe in meinen Augen allerdings etwas falsch. Es gab kaum schöne Motive. Die meisten Motive waren schwer zu kreieren oder dauerten in der Herstellung zu lange. Ein Cappuccino muss frisch sein. Wenn ich die Milch lange stehen lasse, zerfällt mir der Schaum, der Kontrast verschwindet. Ich dachte mir: Ich werde einfach etwas hineingießen, das schwierig ist, aber nur Free-Pour, sodass ich das Getränk unmittelbar nach dem Gießen dem Fotografen hinstellen kann. Was, das wusste ich am Anfang selbst auch nicht. Am Ende goss ich in meinem dritten Versuch drei Schwäne.
Die Ergebnisse wurden erst am nächsten Tag nach den Vorstellungen an der Stage-Area bekannt gegeben. Dort, an der Stage-Area, war meine Strategie, mich nicht nervös machen zu lassen, also lief ich herum und redete mit einigen Teilnehmern. Unter anderem mit Chris Loukakis, dem Latte-Art-Meister von Griechenland. Der war gut. Sehr gut. Er hat eine sehr saubere Technik. Die Tassen waren vorgegeben und es handelte sich bei ihnen um große Caffè-Latte- Tassen. Ich entschied mich für mein eingedrehtes Blatt, mit Tulpe nebendran, allerdings 5- statt 3-fach. Meinen Doppelschwan würde ich behalten. Als Musik hatte ich dieses Mal „Hip-Hop-Bommi-Bop“ von den Toten Hosen als Opener. Das sollte genug sein, um meine Nervosität im Keim zu ersticken. Aber jetzt kommt’s: Es funktionierte nicht. Ich war nervös! Meine ersten beiden Motive zitterte ich in die Tasse, die anderen beiden auch. Aber ich kannte das Gefühl, weshalb die Motive nicht vollkommen danebengingen. Trotzdem hatte ich nur 18 Punkte nach der Vorrunde. Japan war auf der Bühne vorne mit 25 Punkten. Ich war sicher, dass ich in der Vorrunde rausgeflogen war. Das würde ich nie mit meinem Bar-Motiv rausreißen können. Schließlich wurden abends die Finalisten ausgerufen – in der Reihenfolge, in der sie am nächsten Tag starten sollten, also der sechstbeste zuerst, dann der fünftbeste und so weiter. Zuerst wurde Aurora Labastida aus Mexiko ausgerufen. Danach kam der Grieche Chris Loukakis, als fünfter nach der Vorrunde. Er hatte es definitiv verdient, ins Finale einzuziehen. Er war wirklich gut! Der MC rief den nächsten Finalteilnehmer aus: „And the next contestant is: Latte-Art-Champion of … Germany, Matthias Hoppenworth! Die Leute applaudierten. Ich war … baff. Ich fand das noch überraschender als die Tatsache, dass ich deutscher Latte-Art-Meister geworden war. Ich meine: Ich hatte 18 Punkte nach der Vorrunde, es gab mehr als acht Leute, die an der Stage-Area besser waren als ich. Ich hatte also an der Bar-Area überzeugt! Tatsächlich hatte ich immerhin 15 Punkte und nur einer hatte die vollen 20. Im Finale gab es drei Getränkegattungen, von denen je zwei Getränke serviert werden sollten, also insgesamt sechs: Espresso macchiato, Caffè Latte und der Odd-Cup, ein „komisches“ Gefäß. Dieses wurden am sogenannten Wheel-of-Art ausgelost. Man durfte hineingießen, was man wollte. Für die andern beiden Getränke wurden die Motive ausgelost. In den Espresso macchiato sollten die Teilnehmer eine Tulpe und in den Caffè Latte ein Herz im Herz platzieren. Etching war bei keinem der Getränke erlaubt. Das kam mir sehr gelegen, da ich sowieso kein Freund davon bin. Jeder Teilnehmer bekam abends noch eine Stunde Zeit an einer Trainigsmaschine, um sich mit den Gefäßen und Motiven vertraut zu machen und zu entscheiden, was man genau gießen möchte. Vor allem in die Curry-Wurst-Schale. Die war komisch. Sie war nicht sonderlich stabil und auch noch relativ groß. Wenn viel Milch drin war, schwappte diese umher und die Schale verwindete sich.
Am nächsten Tag kam ich in den Vorbereitungsbereich und ein paar Dinge waren geschehen. Wir waren zwei Teilnehmer mehr im Finale, also acht. Wie kam das? Zwei Leute, die im Finale waren, hatten in der Vorrunde falsche Tassen, also nicht die offiziellen, sondern andere benutzt. Dies wurde von der Jury nicht geahndet, obwohl es ausdrücklich in den Regeln stand. Darüber hatten sich andere, die nicht ins Finale gekommen waren beschwert. Anstatt die anderen beiden zu disqualifizieren oder ihnen auf die betreffenden Getränke 0 Punkte zu geben, was dem gleich gekommen wäre, rückten zwei weitere Finalteilnehmer nach. Außerdem gab es keine offiziellen Espresso-macchiato-Tassen. Morgens wurde wohl von den Offiziellen ein Wagen mit ganz vielen Tassen vorbereitet und vor den Jury-Raum gestellt. Die Jury zog sich zur Beratung und Kalibrierung zurück. Als sie aus ihrem Kabuff herauskamen, waren alle Espresso-macchiato-Tassen geklaut worden. Die Teilnehmer sammelten sich dann ein paar Tassen zusammen und übten an den verschiedenen Messeständen mit den vorhandenen Maschinen. Von der Performance bekommt man im Vorbereitungsraum einen Wagen und jemanden, der einem auf der Bühne bei den technischen Sachen hilft. Außerdem wird einem ein Mikrofon angesteckt. Das mindert die Nervosität nicht gerade. Das ist eher das Zeichen, dass es ernst wird. Außerdem sieht man das Geschehen am Nebentisch und man bekommt das Gefühl, dass die Bedrohung immer näher rückt. Irgendwann ging die Jury an meinen Tisch. Kurzes Shakehands, Lächeln, Handzeichen an den Timekeeper geben und los geht’s. Ich war nicht mehr so nervös wie im ersten Durchgang, was wahr- scheinlich daran lag, dass wir am Abend noch etwas um die Häuser gezogen waren und mein Körper keine Energie mehr hatte, sich auch noch über diese Prüfungssituation aufzuregen. Ich goss eine 6-fach-Tulpe in den Espresso macchiato. Das höchste bei internationalen Meisterschaften, war bisher immer nur eine fünffache gewesen. Eine verlief mir am Rand. In den Caffè Latte machte ich ebenfalls ein Design mit fünf Ausprägungen. Die Aufgabe war j,a ein Herz-in-Herz-Design zu zaubern. Das gelang ganz gut. Die Getränke waren wirklich schön anzusehen. Die unterste Ausprägung umschloss das obere Herz. In die Pommesschale machte ich zwei Schwäne. Die waren nicht sonderlich schön. Die Milch war komisch und setzte sich leicht ab, weshalb der zweite etwas unscharfe Konturen hatte.
Kurz bevor die Jury ihre Bewertung abgab, kam der Head-Judge zu mir und sagte: „Wir haben dir auf den Caffé Latte 0 Punkte gegeben, weil es eine Tulpe ist und kein Herz-in-Herz-Design. Nur damit du uns nicht gleich den Kopf abreißt, wenn wir dir die Bewertung geben.“ Ich war schockiert und frustriert. Ich bekam insgesamt 13 Punkte und war damit weit abgeschlagen – nicht nur vom Ersten, sondern auch vom Rest des Feldes. Ich wurde also Achter. Es gewann Chris Loukakis, der Grieche – verdient, wie ich finde. Ich redete nach der Meisterschaft mit dem Head-Judge. Ich fand die Entscheidung hart. Dennoch sah ich deren Standpunkt. Aber: Warum bekamen die anderen beiden Nachzügler nicht 0 Punkte auf die Getränke, die sie in die falschen Tassen gegeben hatten? Das fand ich inkonsequent. Letzten Endes sehe ich das Ganze aber ohne viele negative Emotionen. Ich war im Finale auf einer Weltmeisterschaft dabei. Ich landete unter den besten Acht in einem Wettbewerb von lauter „Besten“. Dafür, dass ich kaum trainieren konnte, war das schon ganz gut, finde ich. Und wer weiß, was nächstes Jahr passiert, wenn ich mich intensiver vorbereite. Wahrscheinlich fliege ich im Finale raus, weil ich mich zu sehr unter Druck setze und zittere.
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Text: Matthias Hoopenworth
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