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Ich, der Röster. Ein Selbstversuch.

Zu Hause den Kaffee selbst rösten! Funktioniert das? Was benötigt man dazu? Unser Redakteur Ruben Quaas hat es mit erstaunlichen Ergebnissen für Sie getestet.

Text & Fotos: Ruben Quaas

Kaffeerösten zu Hause

> Bei dem Besuch einer kolumbianischen Kaffeeplantage, auf der die Frau des Hauses den Kaffee in einem alten, verbeulten Blechschälchen auf offenem Feuer röstete und daraus dann einen umwerfend leckeren Kaffee herstellte, kam mir eine Erkenntnis: Kaffee rösten ist kein Hexenwerk. Und teuer muss es auch nicht sein. Zurück in Deutschland lese ich mich in das Thema ein und erkenne bald, dass es zum Rösten wirklich kein euroschweres Equipment braucht, sondern hauptsächlich gute Augen, gute Ohren und eine gute Nase. Mich reizt es sehr, auch diesen Schritt der Kaffeeherstellung aus eigener Erfah­rung kennenzulernen, denn ich ahne schon, dass sich damit völlig neue Kaffee-Welten entdecken lassen. Andererseits bezweifle ich, dass ich wirklich zum Röstmeister geboren bin. Mein Ziel ist daher: das bestmögliche Ergebnis mit einer möglichst günstigen Ausrüstung.
Die nächste Zeit vergeht mit dem Wälzen von Internetseiten und Büchern. Vor allem in den USA ist das Heimrösten unter Kaffee­freunden mittlerweile ein Volkssport geworden. Schnell steht fest, dass es verschiedene Wege zum Ziel gibt. Manche rösten in der Pfanne, manche im Backofen, andere im Popcornröster und wieder andere mit einer Heißluftpistole und einem Blechnapf (weshalb die Methode auch Dogbowl Roasting genannt wird). Die Pfannenröstung fällt für mich aus, denn beim Rösten entwickeln sich Rauch und Gerüche, die nicht jeder angenehm finden mag – und die Ansammlung von Espressomaschi­nen in der Küche hat unseren Hausfrieden bereits genug auf die Probe gestellt. Die Backofenmethode fällt dieser Überlegung ebenfalls zum Opfer, außerdem kann man hier die Bohnen schlecht durchrühren und würde so nur ein sehr ungleichmäßiges Röst­ergebnis bekommen. Die Popcornmaschine gefällt mir auch nicht wirklich. Mich fasziniert die Heißluftpistole. Falls das Röst­ex­peri­ment in die Hose geht, kann man die wenigstens auch noch zum Grillanzünden benutzen.

Kaffee selbst rösten in einer alten Microwelle

Aus dem Baumarkt hole ich mir ein solches Gerät. Am gleichen Tag geht meine Großbestellung für Rohbohnen raus: je ein Kilo Brasil Santos, Colombia Supremo, Indian Mon­sooned Malabar und Ethiopia Sidamo. Wenn schon, dann richtig.
Einige Tage zuvor bin ich beim Stöbern im Netz allerdings über einen weiteren Tipp gestolpert. Echte Heißluftprofis rösten nicht in Wuffis Hundeschüssel, sondern nehmen einen ausrangierten Brotbackautomaten zu Hilfe. Der Knethaken, der sonst für das Teigrühren zuständig ist, soll die Bohnen perfekt durchmischen, was für ein optimales Ergebnis sehr wichtig ist. Man muss jedoch da­rauf achten, dass alles aus hitzefestem Material ist. Ein solches Ge­rät erstehe ich gebraucht und bald sind auch die Bohnen eingetroffen. Zur Sicherheit räume ich den Weg zum Feuerlöscher frei von Hindernissen. Dann kann es losgehen.

selbstgeröstete Kaffeebohnen
Bereits der Vergleich der Rohbohnen zeigt, wie unterschiedlich die Kaffeesorten sind. Zum Einstieg sollte der billigste Kaffee der Pa­lette reichen, der Brasil Santos. Ich wiege 200 Gramm ab, stelle die Bohnen in einer Schüssel bereit und beginne, mit der Heiß­luft­pistole die Backform vorzuwärmen. Vorsorglich habe ich mir das Buch „Kaffeerösten zu Hause“ besorgt, das neben allen an­­deren wichtigen Informationen auch eine bebilderte Übersicht ei­nes typischen Röstverlaufs gibt. Erwartungsvoll starte ich den Knet­­vorgang und fülle die Rohbohnen ein. Sehr schnell fliegen die ers­ten Silberhäutchen in der Luft herum. Auf der LED-Anzeige des Brotbackautomaten lässt sich immer die abgelaufene Zeit able­sen. In den ersten Minu­­ten tanken die Bohnen Hitze auf und verändern sich kaum, so teilt es mir zumindest die Ideal-Übersicht in dem Buch mit. Erst nach etwa fünf Minuten soll eine Gelbfär­bung erkennbar sein, verbunden mit dem Geruch von feuchtem Heu. Etwas erschrocken stelle ich fest, dass die Bohnen meiner Röstung bereits nach einer Minute ei­nen tiefen Gelbton angenommen haben und intensiv nach Heu rie­chen. Was nun? Muss die Hitze reduziert werden und die Heiß­luftpistole also mehr Ab­stand ­bekommen? Zu kalt darf es aber auch nicht werden, sonst wer­den die Bohnen nicht geröstet, sondern gebacken. Unsicher gewor­den, erhöhe ich den Abstand zu den Bohnen nur leicht. Ganz offensichtlich war das aber nicht aus­reichend, denn bereits nach fünf Minuten lassen die Bohnen ein deutliches Knacken hören. Dies ist der erste von zwei Cracks, die im Laufe eines Röst­vorgangs zu hören sind und ei­nen wichtigen Anhaltspunkt für den Verlauf der Röstung darstellen. Eine Röstung für Filter­kaffee wird in der Regel zwischen diesen beiden Cracks abgebrochen, für Espresso geht man meist in den zweiten Crack hinein. Fest steht: Je länger die Röstdauer, desto stärker verlieren sich Säuren und herkunftstypische Aromen und werden durch Röstaromen ersetzt. Eine gute Röstung soll etwa 12–15 Minuten dauern, ich muss meinen ersten Versuch aber be­r­eits nach 6 1/2 Minuten abbrechen, denn der erste Crack ist lange vorbei.

Die selbstgerösteten Kaffeebohnen werden abgekühlt

Es qualmt stark. Nun müssen die Bohnen schnell ge­kühlt werden, damit der Röstprozess gestoppt wird. Dazu nehme ich zwei normale Küchensiebe und schütte die Bohnen immer hin und her, bis sie handwarm sind. Da eine frisch geröstete Kaffee­bohne erst etwa 24 Stunden nach der Röstung ihren Geschmacks­höhepunkt erreicht, vertage ich das Probie­ren und starte direkt die nächste Röstung. Diesmal röste ich den Colombia Supremo, halte die Pistole aber noch etwas weiter entfernt – aus Fehlern lernt man schließlich. Diese Röstung ent­spricht schon viel mehr meinen Vor­­stel­lungen. Nach etwa fünf Minu­ten färben sich die Bohnen gelb, nach neun Minu­ten sind die ersten Crack­geräu­sche zu hören. Ich röste noch zwei Minuten weiter, dann bre­che ich ab. So schwer war das doch gar nicht! Alles wird sauber proto­kolliert, dann versuche ich mich als Nächstes an dem indischen Malabar. Nach zwölf Minuten warte ich immer noch auf den ers­ten Crack und die Bohnen sind noch hellbraun-gelblich. Ich wer­de ungeduldig und halte die Pistole di­rekt an die Bohnen, während ich nebenbei mit meiner Schwester telefoniere. Das rächt sich, denn plötzlich geht alles ganz schnell: Die Bohnen knacken so laut, dass ich mich an Silvester erinnert fühle – und es qualmt wie eine Dampflok aus einem Italo-Western. Hektisch lege ich das Telefon auf, bre­­che die Röstung ab und kühle die Bohnen, die sich als völlig schwarz erweisen und verkohlt riechen. Das war nichts. Für diesen Tag soll es genug sein. Am nächsten Tag mache ich mich gespannt an die Verkostung der von mir gerösteten Bohnen. Jeweils sieben Gramm mahle ich grießfein und gieße sie in der Presss­tempelkanne mit 125 Millilitern heißem, nicht mehr ko­chen­dem Wasser auf, warte vier Minuten und pro­biere. Es zeigt sich: Die letzte Röstung, der Malabar, schmeckt fürchterlich verbrannt. Aber der Colom­bia Supremo und der Brasil Santos sind sehr lecker, vor allem der Supremo begeis­­tert mich wegen seinen ausgewogenen Geschmackes. Das ermutigt mich und ich wage mich an die Röstung des Ethiopia Si­damo, des exklusivsten Kaffees meiner kleinen Rohbohnen­sammlung. Morgen, das nehme ich mir vor, will ich auch einen Espresso rösten. Einige Wochen später habe ich eine Reihe großartiger Kaffees getrunken, die ich selbst geröstet habe. Natürlich waren auch ein paar völlig misslungene Ergeb­nis­se dabei, aber es wurden mit der Zeit immer weniger, denn man gewinnt schnell Erfahrung. Und die ist es, die neben guten Augen, guten Ohren und einer guten Nase einen Röster aus­zeichnet. Jedenfalls lässt sich festhalten: Selbst guten Kaffee zu rös­ten ist leichter und billiger, als mancher denken mag. Und man ist in der Lage, die Feinheiten und Unterschiede der Kaffee­bohnen zu erkennen, dem eigenen Geschmack anzupassen und natürlich auch selbst Bohnensorten nach Gefallen zu mischen. Es lohnt sich also wirklich – doch Vorsicht, der Suchtfaktor ist hoch!

Ausgaben:
Heißluftpistole: 30 Euro, gebrauchter Brotbackautomat: 8 Euro, zwei Blechsiebe, Topflappen: aus der Küche geklaut Buch: „Kaffee­-rösten zu Hause“ 17 Euro, Rohbohnen: 4 Kilo ca. 30 Euro, Insgesamt: 85 Euro

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