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Kaffeeland im Umbruch

Eine Reise auf der Suche nach den besten Kaffees in Äthopien: Unser Autor Dominik Lehmann machte sich auf den weiten Weg ins ferne Afrika, um an einer zweitägigen Round-Table-Kaffeekonferenz teilzunehmen.

Text und Fotos:Dominik Lehmann/ www.kaffeeschnueffler.de

„PLEASE TRY OUR KONJA BUNA.“ So wurde ich auf meiner Reise ins Ur­sprungs­­land des Kaffees, in Äthiopien, em­­pfangen. Konja Buna ist aramäisch und bedeutet „guter Kaffee“. Es waren die ersten Worte, mit denen Takele mich be­­grüßte, als wir uns beim Round Table in Addis Abeba zum ersten Mal trafen. Bis zum nächsten Treffen sollten noch ei­nige Tage vergehen und wei­tere 500 km hin­ter mir liegen, um Ta­kele in seinem Hei­matdorf im Süden Äthio­piens wie­der­zusehen. So begann ei­ne Reise, die sehr viele Ein­drüc­ke und neue Er­kennt­nisse über den Kaf­fee in Äthi­op­i­en, vor allem aber über die Men­schen, die ihn produzieren, brin­­gen sollte. Meine Reise führte mich zu­erst in die Hauptstadt Äthiopiens, um am zweitägigen Round Table, einer alljähr­lich stattfindenden Kaffeekonferenz, teil­zunehmen.

Das Motto des vierten Round Tables be­zog sich auf die Vermarktungs­mög­lich­keiten des äthiopischen Kaffees und hieß: „Marketing and Promotion Oppor­tu­ni­ties of Ethiopian Coffee”. Im An­schluss an den Round Table ging es dann mit einer internationalen Gruppe, sechzehn Röstern und Importeuren aus sechs Na­tio­nen, in den Süden Äthiopi­ens. Mit dem sogenannten Cupping Ca­ra­­van, ei­ner mobilen Röst- und Ver­kos­­tungs­station, fuhren wir in die Region Si­damo, um zusammen mit den Klein­­bau­ern und den Kooperativen die re­­gionalen Kaffees zu probieren und um in einen Dia­log zu treten. Zustande kam das Pro­jekt durch die Unterstützung der Or­ga­ni­sation USAID und dem „Ethiopia Agri­­business and Trade Expansion Ac­tivity“ (ATEP) Pro­gramm.

Am 17. Februar 2010 war es dann so weit und ich flog von Frankfurt nach Addis Abeba, um an den beiden folgenden Ta­gen am Round Table teilzunehmen. Nach der Lan­dung auf dem Flughafen der dritt­höchst­gelegenen Hauptstadt der Welt (2.200 m ü.n.N.) wurden mir die ers­­­ten geruchsvollen Erfahrungen zu­teil. Ein subtiler Geruch aus Die­sel­ab­ga­sen und Weihrauch begleitete mich wäh­­rend der Fahrt zum Hotel. Wie ich nach­­her lernen sollte, wird Äthiopien mit min­derwertigem Diesel beliefert, was selbst die neu­es­ten Autos zu kleinen Stink­­­­bomben werden lässt. Und Weih­rauch wird während der traditionellen Kaf­­­feezere­mo­nien als Ergänzung zu den Röst­­­­kaf­fee­düften genutzt, um das At­men in den oft klei­nen Hütten ein bisschen erträglicher zu machen.

Am ersten Tag des Round Tables wur­­­­den insgesamt achtzehn Präsen­ta­tio­nen gehalten. Von Agrarwissen­schaft­lern über Exporteure, internationale Kaf­­fee­­spezialisten bis hin zu Regie­rungs­beam­­ten wollte jeder zum Thema Kaf­fee bei­­tragen. Die behandelten The­men reich­­­­­­ten von der Genetik des Kaf­fees über den Anbau bis zum Handel und die Zu­­­­­kunftsaussichten des Kaffees in Äthi­o­pien. Der zweite Tag beinhaltete Ver­kos­­­tun­gen und Diskussionen über Spe­zia­li­tä­ten­kaffees. So erfuhr ich, dass Cof­fea arabica (Kaffee Arabica) im Wald des Hoch­­­landes im Süd­westen und Süd­os­ten von Äthiopien sei­nen Ursprung hat. Laut der gezeigten Stu­­dien kann mit Si­ch­er­­­heit gesagt werden, dass Äthiopien nicht nur das Ge­burtsland des Kaffees ist, sondern auch die reichhaltigste Kaf­fee-Bio­diver­­sität vorzuweisen hat. Dies er­­­­mög­licht eine große Geschmacks­viel­falt der Kaf­­fees. Nicht ohne Grund verbrau­­­chen die Äthiopier fast 50 Prozent des in Äthiopien angebauten Kaffees selber.

Da nicht nur die Vielfalt, sondern auch die Qualität des äthiopischen Kaf­fees von vielen Kaffeetrinkern sehr  ge­wert­schätzt wird, wurden die gravieren­den Veränderungen im äthiopischen Kaf­­fe­e­han­del während der letzten Jahren von der internationalen Kaffeeszene eher kri­­tisch verfolgt. Die einschneidenden Ver­­­änderungen traten vor zwei Jah­ren auf, als die äthiopische Regierung sich dazu ent­schlossen hatte, die Ethio­pia Com­modity Exchange (ECX) als Wa­ren­­­han­­dels­platz ein­zuführen. Die Regie­rung hatte zwei primäre Gründe, die ECX zu gründen. Zum einen gab es viel Kor­­­­ruption und Vetternwirtschaft, die kei­­­­ne fairen Preise auf dem damaligen Markt erlaubte. Zum anderen sollte da­mit die Verfügbarkeit von Agrargütern ge­­­­sichert werden. Diese Verfügbarkeit war in den vorangegangenen Jahren nicht immer garantiert, was zu Hungers­nö­­ten in Teilen des Landes ge­führt hatte. Die ECX ist eine Handelsplattform, die durch festgelegte Qualitätsstandards und trans­parente Preise einen fairen Wa­ren­­aus­tausch für Käufer und Ver­käu­fer er­­möglicht. Die gehandelten Wa­ren be­schrän­­ken sich auf Agrarprodukte wie Se­­­sam, weiße Bohnen (Garten­bohnen), Mais, Weizen und eben Kaffee. Die Eta­blie­­­­rung der ECX erschwerte den Spe­zia­li­tä­tenkaffees allerdings den Zu­gang zum Markt. Denn vor Einführung der ECX konnte prinzipiell jeder Markt­teil­neh­mer mit einem anderen Kaffee han­deln. Gerade in den Jahren davor hatten ei­nige findige Äthiopier gelernt, den Kaf­fee so zu produzieren, dass ganz er­staun­­liche Geschmacksnuancen und Qua­­­litäten verfügbar waren. Durch die Stan­­­dardisierung der Güteklassen seitens der ECX wurden diese Maßnahmen un­­­denkbar. So gibt es nicht mehr eine Viel­­­falt von Sorten, sondern eingeschränkte Markenbezeichnungen durch Haupt­­­anbaugebiete wie Harrar, Yirga­cheffe oder Sidamo, die anschließend durch Güteklassen eingestuft werden. Da­­­­durch bewirkt man zwar, dass die Bau­­­ern erkennen können, welche generel­­len Qualitäten sie produzieren und wel­­­cher Preis dafür erzielt werden kann, aber die potentzielle Vielfalt geht verloren. Um dies zu verdeutlichen, kann man am besten einen Vergleich aus der Wein­­­welt heranziehen. Überspitzt ausge­­­drückt könnte man sagen, man neh­me die ge­samte Ernte aus der Bordeaux-Re­gion und verteile die Weine gemäß ih­rer qualitativen Güte in verschiedene Töp­­fe. So würde man nur Cuvée-Weine aus der Region Bordeaux bekommen, die mit Güteklassen 1, 2, 3 bewertet sind. An­­stelle von Grand Crus wären nur standar­disierte Weine erhältlich und keine Viel­­falt mehr verfügbar.

Die Auswirkungen sollten nicht lange auf sich warten lassen. Die Exporterträge brachen ein und der Im­port nach Deutschland wurde zeitweise um die Hälfte gedrosselt. In den ver­gan­genen Monaten gab es deshalb Be­mü­hun­gen seitens der internationalen Käu­fer­schaft und der äthiopischen Regie­rung über Anpassung bzw. Änderungen der Handelsmöglichkeiten nachzudenken. Daraufhin wurde eine neue Zusatz­op­­tion des Kaffeehandels, die  Auktion „Direct Special Trade“ (DST) , eingeführt. Die DST ist ein erster Schritt, den Markt für Spezialitäten­kaffees zu öffnen. Zie­le des DST sind: Qualität erhöhen, Nach­verfolgbarkeit des Kaffees ermöglichen und dadurch den Kleinbauern stär­ker in das Markt­geschehen zu involvieren. Kleinbauern und Kooperativen müssen nun zuerst die neuen Möglichkeiten verin­nerlichen, Spezialitätenkaffees, die am in­ternationalen Markt nachgefragt werden, zu produzieren. Darum wurde im An­­schluss an den Round Table der Cup­ping Caravan organisiert. Der Cup­ping Cara­van fördert die Nachver­folg­barkeit von hochqualitativem Kaffee, verbindet da­bei Produzenten und Reprä­sen­tanten der Kleinbauern direkt mit Käufern.

Der Cupping Caravan dauerte vier Tage und führte die internationale Grup­pe zu sechs verschiedenen Anlauf­stellen im südlichen Anbaugebiet Sidamo. Wir wur­­den immer herzlich emp­fangen, verkos­­teten knapp 30 Kaf­fees und diskutierten angeregt mit den Bau­ern und deren Ver­­­tretern. Dies war eine ganz besondere Erfahrung, da man nun von An­ge­sicht zu Angesicht mit den­jenigen sprechen konnte, die har­te Arbeit in die Pro­duk­tion des wunderbaren Kaffees stecken. Bei den Ver­kostungen wurden die Kaf­fees von den Grup­penmitgliedern be­wer­tet und auch von den Kleinbauern ver­kos­tet. Die Klein­bauern erhielten so­mit di­rektes Feed­back zur Qualität ihrer Kaf­fees. Kei­ner der Kleinbauern hatte den ei­genen Kaffee jemals in dieser Art und Wei­­se zu­bereitet, geschweige denn in die­­­ser Form getrunken. Folglich er­hiel­ten sie wert­volle Informationen, worauf sie zu achten haben, um bessere Quali­tät zu pro­duzieren und letztendlich ei­nen bes­­seren Preis für ihren Kaffee er­zielen zu können. Aber auch wir Käufer ha­ben viel von den Kleinbauern gelernt. Es wur­den traditionelle Kaffeezeremo­nien für uns veranstaltet, so wie sie zum All­tag der Äthiopier gehören. Sich Zeit für Kaf­fee und dessen Zubereitung zu neh­men nimmt dabei eine zentrale Rolle ein und erin­nert daran, dass ein hektisches Leben uns manchmal von fundamen­ta­len Er­fah­­­rungen fernhält. Den Stolz, den ich in den Gesichtern der Bau­ern sehen konnte, wäh­rend wir die Er­geb­nisse ih­rer Ar­beit schlürf­ten, machte die Reise für mich be­son­ders lohnenswert. Am letz­ten Tag des Cup­ping Cara­vans traf ich wieder auf Ta­kele, der mich zu Be­ginn meiner Rei­­­se so freundlich emp­fan­gen hatte. Wir tausch­­ten unsere Ein­drücke aus und am Ende verabschiedete ich mich von Ta­kele. Er wünschte mir ei­ne gute Heim­reise, ich dank­te ihm für sei­ne Gast­freund­­schaft und sagte ihm, dass dieser Be­such erst der Anfang un­seres Dialogs sei.

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