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Popstar und Kaffeefarmer

Als Mitglied der Elektropop-Pioniere YELLO wurde Dieter Meier bekannt. Aber wussten Sie, dass er auch große Ahnung von Kaffee hat? Wir haben ihn besucht und mit ihm über Kaffee, Kunst und Konsequenz gesprochen.

Text: Patrick Großmann

Man kennt ihn im Doppel mit Bo­ris Blank als Teil der Elektropop-Pio­niere YELLO, doch der Schweizer Dieter Mei­er hat weitaus mehr Eisen im Feuer. Er ist näm­lich beileibe nicht nur Musi­ker, Es­sayist, Filmemacher und Konzept­künst­ler, sondern hat sich in den letzten Jah­ren vor allem auch einen Namen als Er­zeuger erstklassiger Bio-Lebensmittel und -Wei­ne erarbeitet. Letztes Jahr fügte Mei­­er zu­sam­men mit dem Zi­gar­ren­fab­ri­­kanten Iwan Hauck seinem imposanten Genuss-Port­folio einen weiteren Mo­saik­­­stein hin­zu: Kaffee. Genauer: Einen her­vor­ra­gen­den Single-Estate-Espresso aus der Do­mi­ni­kanischen Republik na­mens OCOA, für dessen Weiter­ver­ar­bei­tung man die Blaser Café AG aus Bern ge­winnen konnte. Wir hatten das Ver­gnü­gen, ein äußerst unterhaltsames In­ter­view mit dem rastlosen Kos­mo­po­li­ten zu führen.

Herr Meier, wir erwischen Sie ja im Spanien-Urlaub: Hatten Sie heute schon einen Kaffee? Absolut.

Und? Wie war’s? Der war okay. Wir trin­ken hier diesen lokalen Kaffee, der so heißt wie die Insel: Ibiza. Ein durchschnitt­l­icher Morgenkaffee ohne große Ansprüche.

Bereiten Sie den im Urlaub selbst zu oder gehen Sie zum Kaffeetrinken in eine Bar? Nein, den brühe ich schon selbst. Ich bereite ihn jeden Morgen so zu, wie es auch bei professionellen Tas­tings erfolgt: ohne Filter, in einem großen Krug und am Ende wird er über ei­nem feinen Metallsieb abgegossen.

Hut ab, das nenne ich mal konsequent. (lacht) Ach was. Wenn man Kaf­fee gerne hat, ist das schlicht die einfachste Metho­de. Plus: Man hinterlässt keine Rück­­stände wie Papierfilter oder dergleichen.

Wie bewerten Sie als Experte die Kaffee-Situation in Spanien generell? Zu­mindest die Espressi sind hier normaler­­weise ungenießbar – zu lang, zu wässrig. Da die Kaffeezubereitung in Spanien kei­­ne Tradition hat, ist das Ergebnis in al­­­ler Regel mittelmäßig bis schlecht. Am ehes­ten komme ich deshalb noch mit Cafe con Leche zurecht, selbst wenn hier­­­für fast immer H-Milch Verwendung fin­­­det. Außerdem weckt er bei mir Nos­tal­gie-Gefühle an meine ersten Auto­bahn­­fahrten durch Spanien oder Ma­rokko als ganz junger Kerl. Da gab es un­ter­­­wegs stets diesen unbedeutenden Kaf­fee mit seinem Geruch nach verbrannter Milch, zusammen mit einem Glas Coca-Co­la. Mein ganz persönlicher Madeleine im Proust’schen Sinne, der mich rund 40 Jahre zurückversetzt! (lacht) Das ist wie eine Art Zeitreise, die mit der Qua­li­tät des Getränks nichts zu tun hat.

Reise ist ein gutes Stichwort. Sie sind ja nach wie vor viel unterwegs, pendeln zwischen Zürich, Los Angeles und Ihrer Rinderfarm bei Buenos Aires. Verraten Sie uns Ihr Lieblings-Kaffee-Land? Natürlich ist und bleibt Ita­­lien – wie in allen kulinarischen Be­lan­­gen – absolute Spitze in Europa. So­wohl die Küche als auch die Kaffeekultur sind dort sozusagen bottom-up, also Ent­wick­­­lungen, die von unten, aus dem einfa­chen Volk heraus getragen werden. Da wird aus schlichten, nicht allzu teuren Ma­terialien sehr viel Her­vor­ra­gen­des ge­macht. Selbst an einfachsten Auto­bahn­rast­stätten oder im hinterletzten Berg­­dorf bekommen Sie in Italien noch ei­nen im internationalen Vergleich erstklas­­sigen Espresso oder Ristretto.

Erinnern Sie sich an den besten Espresso, den Sie je getrunken ha­ben? (lacht) O nein! Ich habe schon so vie­le gute Espressi genossen, dass ich pas­­­sen muss. Zudem zielt die Frage zu kurz, wenn Sie mich fragen: Es gibt keinen „besten“ Espresso, genauso wenig wie es einen „besten“ Rotwein oder Whis­­ky gibt. Dafür ist allein die aromatische Vielfalt des Getränks zu groß. Manch­­­mal hat man mehr eine gewisse gra­­­sige Komponente, etwas Frisches auf der Zunge, die man eventuell aus Äthiopien oder durch einen indischen Hoch­land­kaffee bekommt, ein andermal vielleicht eher ein Mokka-Geschmack oder eine Nussnuance. Bei mir um die Ecke in Los Angeles gibt es einen Deli­ka­tes­sen­laden, der kauft ausschließlich Single-Estate-Kaffees ein und bereitet sie dann je nach Wunsch des Kunden zu. Da­durch bin ich ei­gentlich erst richtig auf den Ge­schmack gekommen. Ich fin­de, diese Viel­­falt, diese Reichhaltigkeit des Roh­stof­­fes wird noch viel zu wenig ge­pflegt. Sie können an einer Tasse Kaf­fee ebensoviel Spaß haben wie beim Trin­ken eines Sin­­gle Malt Whiskys – und dazu ist es noch ungefähr 50 mal billiger.

Dafür benötigt man für den annähernd perfekten Espressogenuss zu Hau­se mitunter ziemlich kostspieliges Equipment. Haben Sie daheim selbst einen Siebträger? Nein, ich be­sit­ze keine elaborierte Maschine. Mein Rös­­ter in Bern füllt mir meinen Kaffee in kle­i­­­ne Batches ab, mit denen ich zumindest einen passablen Caffè hinbekomme. Ich habe mich ansonsten an meine in großen Töpfen angegossene Version ge­­­wöhnt. (lacht) Das ist ganz wunderbar für den Hausgebrauch. Morgens vor dem Rudern ziehe ich aber sowieso eine Tas­se Tee vor.

Sie selbst bezeichnen sich gleichwohl als „fanático de caffè“. Ist Kaffee für Sie somit mehr als ein Getränk unter vielen? Absolut, ja. Neben Wein und eben vielleicht noch Tee ist Kaffee für mich das komplexeste und erfreulichste Ge­­­tränk der Welt. Bei allen dreien spielt ein gewisses Ritual eine tragende Rolle. Sp­e­ziell in Los Angeles, wo ich ja alleine wo­h­­­ne, ist mein Kaffee im Zu­sam­men­spiel mit einer feinen Morgenzi­garre ein fes­ter Bestandteil meines Ta­ges­ab­laufs.
Alle Achtung, das wäre mir persönlich zu viel des Guten. Sie müssen die Zeit­­­verschiebung einrechnen, dann passt das schon (lacht).

Fällt Ihnen aus dem Stegreif Ihre erste Begegnung mit Kaffeekultur ein? Wie gingen etwa Ihre Eltern mit dem Thema um? Das war eigentlich keines. Man hat halt immer den gleichen Kauf­haus-Kaffee gekauft, einen dieser furcht­bar zusammengeschusterten In­dus­­trie-blends. Wenn ich mich in diesem Zu­sam­menhang an etwas erinnere, dann eher an meine Großmutter, die ih­ren Kaf­fee – teilweise waren es, wie seinerzeit üb­­lich, sogar Surrogate aus Zichorien – im­­mer versetzt mit Aromazu­sätzen trank. „Franck-Aroma“ hieß das, glaube ich (lacht). Diesen bestimmten Duft habe ich mir gemerkt. Noch heu­te hat das für mich etwas von Ge­borgenheit, von einem be­­ginnenden Tag. Aber mit Kaffeekultur hat das wahrlich wenig zu tun (überlegt). Küchen ge­nerell haben mich schon im­mer sehr fas­ziniert.

Heute auch noch? Oh, allerdings. Ich kann mich in jeder Küche blitzschnell und ohne Anpassung organisieren und bin vermutlich der schnellste und effizien­­­teste Abwäscher der Welt. Ich wa­sche Ihnen in Rekordzeit das Ge­schirr von Abendgesellschaften von 20 bis 30 Leu­­ten ab, das habe ich wahrlich per­fek­tio­niert (lacht). Das macht mir un­vor­stellbar viel Spaß.

Ihr eigener Espresso – der OCOA aus Santo Domingo – macht sowohl ge­schmacklich als auch gesellschaftlich kei­­nerlei Kompromisse. Was führte da­­zu, dass Sie nach Bio-Rindfleisch, er­­lesenen Bio-Weinen und einigen an­­­deren Erzeugnissen nun auch noch im Kaffeesegment wildern müssen? Das ist im Grunde einem Zufall zu verdan­­­ken. Ein Freund von mir, der Zi­gar­ren­­­fabrikant Iwan Hauck, hat vor Ort ei­ne kleine Manufaktur. Irgendwann lief Hauck dort ein Tscheche mit dem wunder­­­baren Namen Rauschgold über die Fü­­ße, der in der Nähe eine Kaffeeplan­ta­ge betrieb. Als im Raum stand, ob wir nicht gemeinsam im besten Teil seiner Plan­­­tage die Ernte für einen eigenen Kaf­­­fee nach unseren Vorstellungen verwen­­­den könnten, mussten wir bei der Qua­­lität der Bohnen nicht lange überlegen. Ich bin generell ein Mensch, der im­­mer dazulernen muss und so habe ich in der Folge eine Menge Zeit damit ver­­bracht zu lernen, wie man zu höchsten Qualitäten kommt. Da ist die Pflan­ze als solche ja nur die halbe Miete, das geht ja mit der Art der Ernte und der Aufbereitung weiter.

Was genau machen Sie beide denn hier anders? Wir beschäftigen permanent eine Erntetruppe, sprich: Wir gehen eben nicht bloß zweimal los und ernten grob, sondern über zwei Monate quasi stän­dig, wobei jeweils lediglich die vollrei­fen Kaffeekirschen herausgepickt werden. Darüber sichern wir eine hohe, konstan­te Qualität der Rohware. Mehr als 20 Ton­nen pro Jahr schaffen Sie damit na­türlich nicht, schon klar. Der OCOA ist nach wie vor ein Geheimtipp, kein Mas­senprodukt.

Warum ausgerechnet Santo Domin­go? Auch das war keineswegs ge­plant. Dass die da unten gute Voraus­set­zun­­gen ha­ben, war mir bewusst. Aber ich bin ja nicht hingegangen und habe über­­legt: Wo müsste ich loslegen, wenn ich den absolut besten Kaffee der Welt pro­­du­zieren wollte? So funktioniert das System Dieter Meier nicht. Die meis­ten Dinge, die ich mache, geschehen aus reins­tem Interesse an der Sache. Yello habe ich ja auch nicht angefan­gen, um 12 Millionen Platten zu verkaufen, son­dern weil es mir einen höllischen Spaß gemacht hat, irgendwelche obs­ku­ren Klänge hervorzubringen. Ich ha­be mei­ne ersten Filme vertont – und all­es andere ist dann daraus entstanden. Ich lege los und manchmal entwickelt sich eben etwas daraus.

Wie kamen Sie eigentlich seinerzeit darauf, in Rinderzucht und Weinbau einzusteigen? Das liegt einem als Performancekünstler und Popmusi­ker ja erst einmal eher fern, oder? Ich habe schon immer eine gewisse Affinität zur Land­wirtschaft verspürt, weil ich ei­nen Teil meiner Kindheit bei meiner Groß­­mut­ter auf dem Land verbracht habe. Schon als kleiner Junge machte ich mich nütz­lich; es war mir ein unglaubliches Ver­gnügen, etwas zu tun, was sich in der Er­wachsenenwelt als Leistung nie­der­­schlägt. Ganz früh schon habe ich zum Bei­spiel auf irgendwelchen Trak­to­ren Jau­che ausgefahren. Etwas Ver­nünf­ti­­ges zu machen, hat mich immer to­tal fasziniert.

Im Grunde könnte man Sie eine Ide­e­n- schleuder nennen: Sie fangen et­was an, spielen damit herum, entwickeln es bis zu einer gewissen Rei­fe – und widmen sich dann bereits schon wieder etwas Neuem. Wo se­hen Sie den tieferen Zusam­men­hang zwi­schen all diesen Disziplinen und Pro­jekten? Was bei mir wie verschie­dene As­pekte er­scheinen mag, das ist im Grunde ge­nom­men immer nur ein und derselbe in an­derer Ausprägung: Das Dieterchen, das da versucht, die paar zehn­­tausend Ta­ge in seiner Er­schei­nungs­­­form zu ge­hen auf dem Weg, das Kind zu finden, das danach trachtet zu wer­den wie ein sol­ches. Und das, was ich da auf Erden zu­rück­lasse in diesem Gang, das sind ir­gendwelche durchaus zu­­fäl­ligen Fuß­spu­ren. Ich sehe eigentlich das Ganze wie das endlose Besteigen ver­­schiedener Ber­ge, die man ja auch nicht besteigt, um dort oben zu stehen, son­­dern um im Ideal­fall unterwegs etwas über sich zu ler­nen.

Wie bezeichnen Sie sich und Ihr Tun eigentlich selbst? Ich habe einmal für meinen Sohn Francis – da war der vielleicht fünf – seine erste Visiten­kar­te drucken lassen. Da war ein Foto von ihm drauf, und darunter stand: „Francis Meier – Spezialist“ (lacht).

Das passt allerdings auch auf Sie wie die Faust aufs Auge. Ja, eben. Er war ein Spe­­zialist. Man wusste zwar nicht genau, wo­für eigentlich – aber er war einer.

Zurück zu Ihrem Kaffee: Geröstet wird von Blasercafé in Bern. Was hat explizit diese Rösterei dafür prädestiniert? Es passte einfach. Wir haben ein überaus vernünftiges Abkommen getroffen; Blasercafé kommt uns in eigentlich allen Belangen sehr entgegen. Wir verkaufen ja unterschiedlich viel OCOA und netterweise nehmen sie uns immer eine fixe Menge Rohkaffee ab, der dort dann je nach unserem eigenen Bedarf in gewissen Spezialblends der Linie Limited Editions von Blasercafé verwendet wird. Das heißt, dass wir selbst völlig frei sind von etwaigen Absatzproblemen. Auch was unsere Sonderwünsche betrifft, verhalten sie sich äußerst konziliant. Man darf nicht vergessen, dass wir im Grunde ein Winzling sind.

Was ist für Sie selbst das geschmack­lich Bahnbrechende am OCOA? (Überlegt) Die Komplexität speziell der dunklen Aromen würde ich sagen. Der OCOA hat nichts Grasiges, dafür einen ganz sensationellen Abgang. Es ist einfach ein absolut runder Kaffee mit wenig Säure, einem tollen Abgang und einer enorm hohen aromatischen Dichte.

Können Sie ausdrücken, wie Ihr Kaffee klingen würde, wäre er ein Musikstück? Wie ein mit tiefen Trommeln und zum Teil hohen Flöten gespielter Mambo! (lacht)

Zur Person: Dieter Meier, geboren am 04.03.1945 in Zürich als Sohn eines Bankiers, absolvierte zu­nächst ein Jurastudium, machte sich nach einem Intermezzo als Poker­profi allerdings bald schon als Per­formancekünstler und Experimen­talfilmer einen Namen. Weltruhm erlangte der selbsternannte „Indi­vidual-Anarchist“ indes erst durch sein Wirken als Teil der Elektropop-Avantgardisten Yello, die mit ihrem von seltsamen Samples geprägten und von Videoclips mit eigener Bild­sprache begleiteten Sound An­fang der Achtziger zu Millionen­sel­lern avancierten. Tracks wie „The Race“ erlebten in der Folge so manche Wiedergeburt als Jingle oder Trai­ler. Heute betätigt sich Meier neben Musik, Film und Kunst u. a. als Au­tor, Unternehmer, Gastronom und Bio-Farmer. Dieter Meier ist verheiratet, hat vier Kinder und pendelt zwischen seinen Farmen bei Buenos Aires, Los Angeles und Zürich. (pg)

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