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Und Enzo macht Espresso dazu

Die Römer nennen es Getto, für Rocco, genannt Enzo, ist es einfach “sein Viertel”. Er schlägt sich hier als Barista täglich mit Kaffee durchs Leben. Auch wenn die Zeiten nicht mehr ganz so rosig um sein Café stehen, hat er trotzdem immer noch Spaß an seiner Arbeit und vor allem an seinen Gästen.

Text & Fotos: Sandro Mattioli

 > Seit über vierzig Jahren ist er immer da. Von Montag bis Freitag, 6:20 Uhr in der Früh bis um 20 Uhr am Abend, steht Vincenzo Rocco, genannt Enzo, hinter dem steinernen Tresen, macht Kaffee, hält Schwätzchen, spült Tassen, füllt den Zuckerstreuer auf. Doch wenn er über seine Bar erzählen soll, fällt ihm nichts ein. So unspektakulär ist das. Er sitzt auf einem Stuhl hinter der Kasse, lehnt sich bequem nach hinten und versteht nicht, warum gerade ihm ein Artikel gewidmet werden soll. Er macht doch nur seine Arbeit.
„Ich bin in die Bar hineingewachsen“, sagt er. Eigentlich wollte Rocco eine Pasticceria eröffnen, Süßwarenbäcker, das hat er gelernt. Doch dann fand er kein Lokal, in dem er einen Backofen hätte betreiben können und wurde eben Barista. So einfach ist das. Eine Lebensentscheidung, vom Zufall getroffen. 41 Jahre ist das jetzt her. Seitdem gibt es „Enzo’s-Bar“. Inzwischen ist Enzo Rocco fast siebzig Jahre alt, aber man sieht es ihm nicht an. Er hat kaum Falten, Vincenzo Rocco muss ein zufriedener Mann sein. Ruhig schaut er durch seine goldfarbene Brille.Es verschlug ihn ins Getto, in das urtümliche Viertel, das sich mitten in der Hysterie und dem Trubel des historischen Zentrums von Rom eine stoische Ruhe bewahrt hat. In einer der schmalen Gassen führt ein unscheinbarer Eingang in Vincenzo Roccos Bar: ein lang gezogener Tresen, gegenüber ein großer Spiegel, hinten ein Saal mit Tischen. Das Licht scheint warm. Musik braucht es in einer Bar nicht, das Fauchen der Milchschaumdüse genügt. Vorne in der Vitrine sind belegte Brötchen ausgestellt, hinter dem Tresen stehen mehrere Reihen mit Spirituosen Flaschen.
Das Getto ist so etwas wie ein Dorf in der Millionenstadt. Heimelige Atmosphäre, es gibt noch viele alteingesessene Geschäfte. Es befindet sich aber im Wandel: Inzwischen haben stylishe Boutiquen eröffnet wie auch einige Szenekneipen. Zum Fuß des Kapitolimische Hügels hin verläuft sich dann die Enge der Gassen, hier findet in der verkehrsumtosten Piazza Venezia die Ruhe ein abruptes Ende.
Im Getto war ein Ladenlokal frei geworden, also hat Vincenzo Rocco seine Bar dort eröffnet. Nach vielen Jahren lief der Vertrag aus, er zog einfach ein paar Hausnummern weiter. In der Via dei Funari, Hausnummer 23, bedient er jetzt seit 15 Jahren seine Kunden. Vor dem Eingang zur Bar stehen hoch gewachsene Pflanzen, man übersieht in dem Dschungel fast die Tür. „Es war kein Problem, das Lokal zu finden“, sagt Rocco, „hier hatte früher ein Kleider-Grossist seinen Sitz.“ Acht Leute hätten da gearbeitet. In Roccos Bar sind es jetzt noch drei: er selbst, seine Frau Eleonora und sein Sohn Bruno.

„Signor Rocco, was hat sich in den 41 Jahren denn hier verändert?“ „Alles.” Die Grossisten sind aus dem Viertel verschwunden, nachdem die Gemeinde das Getto zur verkehrsberuhigten Zone erklärt hatte. Einstmals war das Getto einer der großen Umschlagplätze für Bekleidung in Rom. Doch dann blieben zuerst die Lieferanten mit ihren Lastwagen weg, schließlich gingen die Händler und mit ihnen das Geld. „Früher war die Arbeit hier leichter, da hatten die Leute Geld im Überfluss.“
Die Großhändler haben inzwischen fast alle ihren Sitz an die Peripherie verlegt. Die Stadtverwaltung von Rom hat sich bemüht, den Schaden gering zu halten und einige Behörden in das Getto verlagert. Doch für Enzo Rocco ist das nicht dasselbe.
„Heute stehen in den Büros Kaf­fee­automaten, die für null Lire ihr Gebräu ausspucken.“
„In den Räumen der Stadtverwaltung, im Amerikazentrum, in den Bibliotheken, überall sind die Dinger. Überall!“, schimpft Enzo Rocco. Wer geht schon in die Bar, zu einem Barista der alten Schule, der für jeden ein freundliches Wort übrig hat und sich ordentlich die schwarze Schärpe umbindet? Wenn man ein paar Cent sparen kann?
Dabei ist eine Bar so viel mehr als nur ein Kaffeeort. Ein Fixpunkt im Alltag. „Berlinguer, der große Berlinguer, kam jeden Tag um 14:30 Uhr und trank seinen Kaffee“, berichtet Enzo Rocco. Er mochte den italienischen Kommunistenführer. Domenico Modugno, der berühmte Sänger des Schlagers „Volare“, nahm hier seinen Espresso. Regisseure, Schauspieler, ein paar Gräfinnen und Grafen. Wenn es darum geht, von seiner Bar zu erzählen, erzählt Rocco von ihnen, von seinen Kunden. Viele kommen schon seit Jahren, immer auf einen Kurzbesuch, einen Kaffee, ein schnelles Getränk, einen Schwatz und weg sind sie wieder.  Eine Bar ist auch ein Nachrichtenumschlagplatz. „Hast du gehört, Vincenzo, dem Kalabrier, haben sie das Auto beschlagnahmt“, sagt Enzo zu einem Kunden. Dazu muss man wissen, dass Vincenzo ein Maler ist, der seine Bilder um die Ecke ausstellt: Er lehnt sie an eine Kirchenmauer. „Ich habe zu den Polizisten gesagt, ihr seid gekommen, um einen sterbenden Mann zu zerstören.“ Vincenzo, der Kalabrier, hat in dem Auto gewohnt. „Der wog ja nur noch 35 Kilo. Und wo soll er heute nacht schlafen?“ Er hat seine Steuern nicht bezahlt und die Versicherung auch nicht, sagen die Polizisten. Er sei ja auch nicht mit dem Auto gefahren, entgegnet Enzo. Egal, sagen die Polizisten, der Wagen muss weg.
An der Wand, direkt neben der Galerie von Flaschen, hängt ein Bild von Padre Pio. Vincenzo Rocco ist auch in Kalabrien geboren, das prägt. Direkt neben dem Heiligen hängen Zeitungsartikel über die AS Roma, Roccos Fußballmannschaft. Als er 14 Jahre alt war, zog seine Familie nach Rom um und wie es sich für einen ordentlichen Italiener gehört, wurde Rocco ein Tifoso. Von einem Kunden hat er ein Mannschaftsfoto von AS Roma aus dem Jahr 1957 geschenkt bekommen, es hängt eingerahmt hinter der Kaffeemaschine. „Da haben alle Spieler drauf unterschrieben“, sagt Enzo Rocco. Manche Namen kennt er, doch die meisten weiß er nicht mehr.
Spätestens als Dottore Cognac die Bar betritt, wird deutlich, dass Enzo Rocco eine Art Seele des Viertels ist. Dottore Cognac hat lockiges, hellbraunes Haar, ein gerötetes Gesicht und ein erdfarbenes Sakko, das wohl einmal als elegant zu bezeichnen war. „Was gibt’s, Dottore Cognac?“, ruft ihm Enzo entgegen.

„Ich habe die Schlüssel, alles auf dem Markt. Aber warum ist es schon so spät?“, sagt Dottore Cognac und setzt sich im Rückraum der Bar an einen Tisch, selig grinsend. „Denken Sie an Ihre Gesundheit!“, sagt der Barista Enzo. Dottore Cognac sitzt, den Blick in die Ferne gerichtet, an seinem Tisch. Enzo bringt ihm einen Tee.
Nicht in der Pasticceria zu arbeiten fehlt ihm einerseits. Andererseits schätzt er an seinem Beruf als Barista, dass er mehr Freizeit hat. Als Konditor müsste er nachts arbeiten, an den Feiertagen, auch sonntags. Seine Bar dagegen ist an Wochen­enden geschlossen. Eigentlich, sagt er, würde ihm ein freier Tag genügen, doch samstags und sonntags ist im Getto kaum Kundschaft. „Ich mag meine Arbeit, ich mag alles, was mit ihr zutun hat“, sagt Enzo Rocco. Noch ein paar Jahre will er arbeiten, dann soll sein Sohn übernehmen. Ihm liegt vor allem am Kontakt mit den Kunden, ihn aufzubauen sei das wichtigste im Beruf des Baristas, da brauche es Persönlichkeit. Und natürlich muss die Kaffee­maschiene immer sauber sein und einmal pro Woche gründlich mit Salz gereinigt werden. Dann nimmt er einen Lappen und wischt wie so oft an jedem Tag über den Tresen.

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3 Comments so far

  1. Peter sagt:

    Gratulation, dieser Artikel ist ein Juwel! Weiter so…


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