Mitten in der Karibik, im Geburtsland von Reggae und Rastafari-Glaubensgemeinschaft, wächst auf 6.000 Hektar eine der teuersten Kaffeespezialitäten der Welt, der Jamaica Blue Mountain Kaffee. Im Frühjahr 2011 lud Clifton Mount Estate, einer der größten Kaffeeproduzenten Jamaikas, eine Gruppe von europäischen Kaffeefachleuten in die weltberühmten Nebelberge ein.
Text und Fotos: Stefanie Hesse, Quijote Kaffee
Zusammengestellt wurde die kleine Reisegruppe aus zehn Teilnehmern von dem hamburgischen Rohkaffeehändler InterAmerican Coffee, der zum weltweit führenden Rohkaffee-Dienstleister der Neumann Kaffee Gruppe (NKG) gehört. So kam es, dass Vertreter der italienischen Rösterei Corsino Corsini, aus der Schweiz eine Mitarbeiterin von Bernhard Rothfos, aus Deutschland Kollegen der Speicherstadt Kaffeerösterei, Roestbar KG, Kaffee Braun, InterAmerican Coffee und wir von Quijote Kaffee dem unsäglichen Grau und der Kälte des europäischen Winters entfliehen durften. Neben luftiger Sommerkleidung hatten wir zahlreiche Fragen, hohe Erwartungen und verhaltene Skepsis mit in die Karibik gebracht: Was sollte man von einem Kaffee erwarten, der in Japan Spitzenpreise bis zu 15 Dollar pro Tasse erzielt, und der von den meisten Menschen außerhalb der Branche als der beste Kaffee der Welt bezeichnet wird? Wie viele andere auch kannten wir bis zu unserer Reise den Jamaica Blue Mountain nur aus der Tasse: extrem harmonisch, guter Körper, dezente Säure, Süße und Schoko-Nuss-Aroma. Schon bei unserer Ankunft in Kingston konnten wir in der Ferne die verheißungsvollen Nebelberge in der Dämmerung erahnen. Die schon fast mystisch verklärten Blauen Berge befinden sich zwischen Kingston im Süden und Port Maria und Port Antonio in nördlicher Richtung.
Dank einer Höhe von bis zu 2.350 Metern kann Jamaika zu Recht behaupten einige der höchsten Berge der Karibik zu besitzen. Genau diese geografische Besonderheit ist der Ursprung für ein ungewöhnliches Mikroklima. Die zu Beginn erwähnten 6.000-Hektar-Anbaufläche für die Kaffeespezialität Jamaica Blue Mountain befindet sich genau in dieser Region. Das Anbaugebiet ist geprägt von hoher Luftfeuchtigkeit, kühler Luft mit Temperaturen von 20 bis 23 °C, hohen Niederschlägen und Wetterwechseln im Minutentakt. All diese Faktoren führen dazu, dass der Kaffee langsam reift und seine charakteristischen Eigenschaften erhält. Während der ersten gemeinsamen Stunden wurde schnell klar, dass wir mit unserer Reisegruppe und besonders mit unserem Gastgeber Jason Sharp den sprichwörtlichen Volltreffer gelandet hatten: sympathisch, offen und neugierig. Komplettiert wurde unsere Gruppe durch Guy Wilmot vom europäischen Office für Blue Mountain Coffee und Gonzalo Hernandez Solis aus Costa Rica, einem Partner von Jason. Der Weg in die Berge ist kein leichter. Aus Kingston führt er zu jeder Tageszeit durch Smog, hupende Blechlawinen und vorbei an unzähligen Warnschildern vor Alkoholgenuss am Steuer. Hat man dieses Stadtchaos hinter sich, offenbart sich eine schmale Asphaltstraße, die sich tapfer spiralförmig in die Berge windet. Zahlreiche Steinschlagstellen, ausgewaschene Erdhänge und Straßenbautrupps lieferten den Beleg dafür, dass Jamaika jedes Jahr mit heftigen Hurrikans und Starkregen zu kämpfen hat. Es kommt zu einem nie endenden Kreislauf: Straßenabschnitt flicken, machtlos der nächsten Hurrikan-Saison von August bis November zusehen und wieder flicken. Natürlich machen diese Unwetter auch vor den Kaffeepflanzen nicht Halt, sodass die heißbegehrten Pflanzen jedes Jahr aufs Neue bedroht sind.
Eingerahmt wird dir Straße von atemberaubendem Grün, Bambuswäldern und riesigen Südfruchplantagen. In den vorbeiziehenden Tälern und Hängen wechseln sich kleine, mal mehr, mal weniger arm dreinblickende Siedlungen, kuriose Aussteigerwohnstätten und klotzige Prunkvillen mit scheinbar undurchdringlichem Grün ab. Für uns besonders interessant war auf der Fahrt in die Berge eines von insgesamt 60 Kaffeedepots der Coffee Traders, dem größten Exporteur von Jamaica Blue Mountain. In diesen Depots aus Stein, Holz und Maschendraht, die sich zum Beispiel wie in unserem Fall am Straßenrand befanden, geben die Kaffeebauern ihre Kaffeekirschen in geeichten 29-kg-Holzkisten ab. Diese werden in einer ersten offiziellen Qualitätskontrolle von einem von drei Depot-Kontrolleuren dem sogenannten Floatingtest unterzogen, bei dem die Kaffeekirschen in ein Becken mit Wasser gekippt werden. Alle Kirschen, die oben schwimmen, sind von minderer Qualität und werden bei geringer Anzahl aussortiert, ist die Menge zu groß, wird die Annahme verweigert und der Bauer aufgefordert nachzusortieren. Entsprechen die Kirschen den Anforderungen, erhält der Bauer einen Nachweis, der ihn für die entsprechende Bezahlung berechtigt. 
Jason berichtet uns, dass pro Kilo rote Kirschen ein Bauer 1,20 US-Dollar erhält. Das würde bedeuten, dass ein Kilogramm grüne Bohnen 5,60 US-Dollar wert wären. Damit würden die Bauern in dieser Region mehr Geld erhalten als die meisten anderen Kaffeepflücker auf der Welt. Zur Bestätigung bzw. für eine Rückfrage bei den Bauern bot sich uns jedoch leider nicht die Möglichkeit. Insgesamt bauen ca. 25.000 Bauern in den Blauen Bergen Kaffee an. 90 Prozent von ihnen sind Kleinbauern, Bauern, die weniger als einen halben Hektar besitzen. Die restlichen 10 Prozent besitzen mehr oder weniger große Farmen, die sogenannten Estates. Während unseres Aufenthalts konnten wir uns das Clifton Mount Estate, das neben fünf weiteren der Familie unseres Gastgebers gehört, ausgiebig ansehen.
Der Großteil des Jamaica-Blue-Mountain-Kaffees wird in Wetmills nass aufbereitet. Bei diesem Verarbeitungsprozess werden die Kirschen nochmals sortiert, das Fruchtfleisch entfernt und der Kern für den nächsten Schritt in einer Trockenverarbeitungsanlage vorbereitet. Bei unserem Besuch besichtigten wir viele Bereiche der Farm: die Jungpflanzen, Beete mit Schnittblumen (Diversizierung), das Wurmbeet, die Fläche zum „Vergammeln“ der Pulpe, mehrere Schilfflächen die die natürliche Klärung des Abwassers übernehmen und verschiedene Mikrolots. Der höchste Punkt der Farm entpuppte sich als Microlot, das fest für einen japanischen Abnehmer reserviert ist. Aufgrund der unterschiedlichen Reifegrade der Kirschen an einer einzelnen Kaffeepflanze muss jede Pflanze bis zu sechsmal von einem Pflücker abgeerntet werden. Wegen der speziellen Lage an Berghängen entfällt die Benutzung von Maschinen gänzlich, so dass tatsächlich die gesamte Ernte per Hand erfolgt. Jede Pflanze gibt ca. 1 Kilogramm grüne Bohnen und wird am Ende der Ernte auf eine Höhe von 5 Fuss gestutzt. Auch der nächste Verarbeitungsschritt – die Trocknung – erfordert extremen Einsatz: Auf den sogenannten Barbecue-Flächen werden die Bohnen in der Sonne getrocknet, alle 15 Minuten gekämmt und nachts und bei Regen mit Folie abgedeckt.
Bei der Trockenverarbeitungsanlage, zum Beispiel in der der Wallenford Coffee Company, werden die Bohnen nach dieser ersten Trocknungsphase in einer von zwölf riesigen Trocknungsmaschinen auf exakt 11,5 Prozent Restfeuchte heruntergetrocknet. Heizmaterial dieser Anlagen sind übrigens die Pergamenthäutchen des Kaffees. Danach werden die Pergaminobohnen geschält, entstaubt, entsteint, maschinell nach Größe und Dichte sortiert und in großen Holzsilos gelagert. Als letzter Schritt vor der Verpackung wird der Kaffee von bis zu 200 Frauen in einer Halle manuell ausgelesen. Auf Nachfrage wurde uns berichtet, dass eine erfahrene Sortiererin pro Tag bis zu 13 kg Export-Kaffee sortiert. Die dort sortierten Qualitäten werden nochmals nach Farbe, Dichte und Feuchtigkeit überprüft und im abschließenden Cupping sensorisch getestet. 
Für jedes Kriterium gibt es eine eigene Richtlinie, die von der jamaikanischen Institution Coffee Industry Board of Jamaica (CIB) zum Schutz der Marke Jamaica Blue Mountain festgelegt wurde. Abschließend wird der Rohkaffee für den Export in den berühmten 70 kg Holzfässern verpackt oder alternativ in kleinen Varianten mit 30 kg oder 15 kg. Jedes der Fässer ist handgefertigt und besitzt allein schon einen Materialwert von 50 US-Dollar, da die verwendeten Hölzer aus Kanada und China importiert werden. Gängiges Holz aus Jamaika entfällt, da Kaffeebohnen Aromen sehr schnell aufnehmen und die heimischen Sorten nicht neutral genug sind.
Während unserer Zeit auf Jamaika konnten und sollten wir uns wahrscheinlich auch davon überzeugen, dass die Bestimmungen für die Qualitätssicherung konsequent eingehalten werden. Bei zahlreichen Gesprächen in lockerer Runde zeigte sich jedoch, dass die Hochstimmung der letzten und erfolgsverwöhnten Jahre zumindesten bei einigen, wie zum Beispiel unserem Gastgeber Jason Sharp ein wenig gedämpft ist. Trotzt starker Marke, Exklusivität und hoher Qualität ist der Erfolg von Jamaica Blue Mountain wegen der immensen Abhängigkeit von Japan (90 Prozent des Gesamtexports) bedroht.
Ein Verwandter von Jason brachte es bei einem Grillabend auf den Punkt: „Bekommt Japan einen Schnupfen, dann hat Jamaika eine Lungenentzündung.“ Leider wissen wir spätestens seit Ende März, dass auch eine Wirtschaftsmacht wie Japan mehr als einen Schnupfen bekommen kann. Darum sind Jason und seine Familie seit einigen Jahren bemüht, sich breiter aufzustellen und mit internationalen Fachkräften auszutauschen. Sie rösten selbst und sie betreiben eigene Cafés. Im Bewusstsein, dass es zig andere exzellente Kaffees gibt, hofft wahrscheinlich nicht nur Jason, dass in Jamaika eine neue Generation von Röstern und Baristi heranwächst. Selbstbewusste Profis, die sich im Austausch mit Europäern und Amerikanern weiterbilden, sich einen Namen im internationalen Geschehen machen und dem Jamaica -Blue-Mountain-Kaffee auch in den nächsten Jahrzehnten einen vorderen Platz unter den Spezialitätenkaffees garantieren. Wir haben auf dieser Reise sehr viel gesehen, noch mehr jamaikanische Köstlichkeiten gegessen, neue Ideen für gemeinsame Projekte entwickelt und einen kompetenten, aufgeschlossenen Gesprächspartner für Jamaica Blue Mountain gefunden.
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