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Zwei Stunden lang Kaffee

Kaum zu glauben, welchen Unterschied es macht, wo man seinen Kaffee aufbrüht. Der Aromator,  Kaffeekanne und Kaffeemaschine zugleich, der im fränkischen Oberkotzau gefertigt wurde, bringt das  Kaffeeaufbrühen dorthin, wo es hingehört: auf den Kaffeetisch.   Autor & Fotos: Sandro Mattioli

Der Aromator.

HENRIK UND UTA THEILING ha­ben die Tafel gerichtet: Ein leckerer Karottenkuchen steht auf einer schönen alten Leinentischdecke, goldumrandetes Geschirr mit einem passenden Kerzen­leuch­ter und eine alte bauchige, aber elegante Kaffeekanne in der Mitte des Tisches. Die Kaffeekanne steht heute auch im übertragenen Sinn im Mit­tel­punkt: Sie wurde im fränkischen Ober­kotz­au bei Hof hergestellt und selbst wenn man es ihr nicht ansieht, ist sie ein Pro­dukt klassischer Ingenieurskunst. Im Inneren ihrer Porzellanwand verlaufen Heizdrähte, die das Wasser in ihrem Bauch erhitzen, sodass es über eine Steig­leitung nach oben drängt und das Kaf­feepulver, das in einem passenden Por­zellanfilter im Inneren der Kanne liegt, überbrüht. Von außen sähe man nicht, dass es sich um keine normale Kaf­feekanne handelt, wäre da nicht der Elektro­anschluss auf ihrer Rückseite. Ei­gent­lich ist das Kaffeekochen ja in die Küc­he verbannt, hinter den Tresen oder auf den Herd. Beim Aromator, so heißt die­se Kanne, ist das anders.
Als allerersten Schritt der Brühprozedur stellt Henrik Theiling das sogenannte Spru­delrohr in die Kanne. Es wird später das kochende Wasser nach oben transpor­tieren. Anschließend wird der Aro­mator mit Wasser befüllt und der Kaf­fee­fil­­ter aufgesetzt. „Der Filter ist aus Por­zel­lan mit einer feinen Perforierung im Bo­­den. Da braucht man keinen Papier­fil­ter und ich meine, man schmeckt diesen Unterschied auch“, sagt Henrik Thei­ling. Dann wird der gemahlene Kaf­fee ein­ge­füllt – in der originalen Be­die­nungs­­an­lei­tung mit dem schönen altertüm­li­chen Wort „Kaffeemehl“ bezeichnet – und der Dec­kel auf den Filter gesetzt. Welcher Geist in dieser Kaffeemaschine wohnt, lässt sich auch anhand dieser Be­die­nungs­anleitung erkennen: Präzi­sion, Durch­dachtheit, Sparsamkeit und Ef­fi­zienz. „Mit den Vorgängen von 1-6 sind al­le Vorbereitungen zum Kaf­fee­kochen er­ledigt“, steht da geschrieben, oh­ne je­des fernöstliches Übersetzungskauderwelsch. Oder auch: „Aus 1 mach 3: Der Aro­­mator findet dreifache Ver­wen­dung: 1. als Kaffeemaschine 2. als elegante Ser­vice­­kanne 3. als Warm­halte­kan­ne. A­l­les in allem eine glückliche Kom­bination.“

Dann passiert erst mal eine Weile gar nichts. Die Kaffeekanne heizt sich auf, doch das geschieht lautlos. Erst wenn das Was­ser heiß ist, merkt man, dass da ei­ne Kaf­feemaschine und keine Kanne auf dem Tisch steht. Die Maschine zischt dann, man hört es schließlich brodeln. Das erste heiße Wasser, das durch das Steig­­rohr nach oben kommt, lässt das Kaf­­­feepulver leicht aufquellen. Langsam macht sich der Duft des Kaffeemehls be­merk­­bar. Der Aromator ist etwas für Ge­nie­­­ßer. Hier kann man die Entstehung von Kaffee förmlich erleben. Wie zuerst der feine Geruch von Kaffee in die Nase steigt.  Hebt man den Deckel der Kanne, sieht man das Wasser – beziehungsweise spä­­­ter den Kaffee – aus dem Steigrohr laufen.

Manche Modelle sind Perku­la­to­ren, das heißt, der aufgebrühte Kaffee landet nicht in einem separaten Behältnis, sondern wieder in dem Tank bei dem übrigen Wasser und vermischt sich damit dann. Ist der Kaffee, der oben aus dem Steig­­rohr kommt, schließlich stark ge­nug, schaltet man die Maschine aus. Bei an­deren Modellen geschieht dies von all­ein, wenn der untere Tank leer ist und sich das gesamte Brühwasser im Filter be­findet. Allerdings empfiehlt es sich bei neueren Modellen, den Brüh­vor­gang direkt zu beobachten. Bei Stei­g­roh­ren älteren Typus ist die Öffnung, aus der das Wasser austritt, nicht seitlich, son­­dern oben am Ende des Rohres an­ge­bracht, sodass das Wasser nach oben spri­tzt.

Die Geschichte des Aromators ist sehr gut dokumentiert. Die Kunst­his­to­ri­ke­rin El­­len Mey hat in einem 2002 er­schienenen Buch beschrieben, wie Hans Neu­erer in seinem Unternehmen im frän­kischen Ober­kotzau sogenanntes Heiz­por­­zellan ent­wickelte, zu dem auch der Aro­­mator ge­hört. Der Band mit dem Ti­tel „Por­zellan aus Hof und Ober­kotz­au“ wird von einem am Stadtarchiv in Hof an­ge­siedelten Ve­r­ein, dem Nord­ober­frän­kischen Verein für Natur-, Ge­schich­ts- und Lande­skunde e. V., heraus­ge­­ge­ben. Meys Buch zufolge fer­tigte die Por­­zellanfabrik Neu­erer in der Nach­­krie­gs­zeit neben Ge­brauchs- und Zier­­por­zellan haupt­sächlich das Heiz­por­zellan, eine Ent­wicklung des Fir­men­chefs Hans Neu­erer. Er habe schon im­mer nach einer Ni­sche gesucht, in der sein Un­­ternehmen in Sicherheit wäre, und die­se im Elektro­por­zellan gefunden, das niemand sonst her­stellte. Später er­­laubte ihm diese Si­cher­heit, sein Sor­ti­ment auch auf andere Fel­der auszuweiten. Hans Neu­erer sei im­mer offen für Neu­­erungen ge­wesen, schreibt die Ex­per­tin, und er ha­be viele Pa­tente angemel­det.

Vor allem bei der Entwicklung von Kom­bi­­­­nationen aus elektrischen Heizmitteln und Porzellan war Neuerer tonangebend. Nicht nur der Aromator, auch Ge­rä­te für Me­­­dizin und die Pharma­in­dus­­trie wur­­den in Oberkotzau gebaut. Neu­­erer war da­­­bei stets am Praktischen orien­­tiert, un­ter anderem baute sein Un­ter­­nehmen ei­nen Ofen, mit dem man hei­­zen konnte, bac­ken und kochen, den Raum klimatisie­­­ren und die Luft desinfizie­­ren. Im Jah­re 1950 kam die erste Kaf­fee­­kanne auf den Markt, bei der das Po­r­zel­lan von in­nen lie­genden Heiz­wen­deln erhitzt wur­de. Das Verfahren an sich war nicht neu. Neu­erer konstruierte sei­­­ne Kannen aber so, dass das Material nicht ermüdete und brach. Und er achtete dabei auch auf den Ge­schmack des ent­­­stehenden Kaf­fees. Für die Ent­wick­lung führte er Kost­pro­­ben mit un­ter­schied­­lichen Prototypen durch.


Neuerer legte Wert darauf, eine breite Pa­let­te von Designs anzubieten. Oft stellte sein Betrieb auch das passende Ge­schirr her, bis hin zur Blumenvase. Hen­rik und Uta Theiling haben für ihre Kaf­fee­tafel ein Komplettset erworben, inklusive Va­se. Zwischenzeitlich fertigte Hans Neu­e-rer auch eine Porzellanausgabe der Mo­ka, die in Italien schon im Jahre 1933 von Bia­letti auf den Markt gebracht worden war. Neu­erer war der Meinung, dass das Me­tall, aus dem sie gefertigt ist, dem Ge­schmack abträglich sei, und entwickel­te da­her eine ähnliche Kanne aus Por­zellan, das geschmacksneutral ist. Die Kanne wur­­de Olympia genannt. Im ho­hen Alter von fast achtzig Jahren gab Hans Neuerer sei­­nen Betrieb ab. Rund fünf Jahre später, An­­fang November 1986, wurde das Un­ter­nehmen aus dem Handelsregister ge­löscht. Wenige Tage spä­ter starb Hans Neu­­erer. Von seinen Mit­arbeitern war er im­­mer der „Er-Neu­erer“ genannt worden.

„Ich finde es erstaunlich, dass so eine kom­p­lette Technologie in Ver­gessenheit ge­­raten kann“, sagt Uta Theiling, während sie den nun fertigen Kaffee einschenkt. Die Kanne hat inzwischen gearbei­­­tet, mit allen Sinnen ist man dabei be­tei­ligt gewesen: Hebt man den Dec­kel, sieht man, wie dunkel der Kaffee ist. Der Duft steigt ei­nem in die Nase, die Kanne wird außen heiß – auf diese sinnliche Er­fah­­rung sollte man besser verzichten – man hört, wie der Kaf­fee leise plätschert. Und trinkt man ihn, bildet man sich zu­­­mindest ein, dass der Kaf­fee anders schmeckt, als wenn er durch einen Pa­pier­­filter gelaufen wäre. In jedem Fall schmeckt er gut. Henrik Thei­ling schnei­det den Karottenkuchen an, den er ge­backen hat. „Es ist schön, wenn man Dingen an­sieht, dass Men­­schen an ih­­nen gearbeitet haben“, sagt seine Frau. Sie interes­siert vor allem das Design der Ge­­räte, ihn eher die technische Sei­­te. Dem­­­ent­sprechend haben die beiden auch ihre Be­rufe ge­wählt: Henrik Thei­ling ist Informatiker, Uta Theiling Psy­cho­lo­gin.

„Heute sind viele Sachen aus Plastik herge­stellt“, sagt Henrik Thei­ling. „Meine Mut­­ter hat eine Kaffeemühle aus Blech, die fun­ktioniert seit Jahrzehnten.“ Der Char­­­me des Alten, aber Funk­­tio­­nie­ren­den steckt auch hinter der Begeisterung der Theil­ings für den Aromator. „Der Aro­­mator ist etwas aus der Zeit Ge­fal­­lenes“, sagt Uta Thei­ling. Die beiden ha­ben schon ein­mal ge­dacht, dass es ein Lo­kal geben müsste, in dem  der Kaffee mit dem Aro­mator zubereitet wird. „Da be­kä­me man dann die Kan­ne auf den Tisch gestellt und täte die nächsten zwei Stun­­den nichts anderes als Kaffee ko­chen und trinken.“ Im­merhin haben sie in Lo­­kalen in Saar­brücken, wo sie wohnen, so­wie in anderen Städ­ten schon den einen oder anderen Aromator als Zierde stehen se­hen.

Info: > aromator.de Das Buch „Porzellan aus Hof und Oberkotzau“ von Ellen Mey ist über das Stadtarchiv Hof zu beziehen, Unteres Tor 9, 95028 Hof oder unter > lnv-hof.de, mail@lnv-hof.demail@lnv hof.de, 0 92 81 / 8 15-6 20.

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Dein Kommentar

1 comment

  1. Bärbel Borngässer sagt:

    Mir ist das Sprudel- bzw. Steigrohr entzwei gebrochen. Können Sie mir weiterhelfen, wo ich vielleicht ein neues herbekomme??
    Vielen Dank
    Bärbel


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