Im Test: ECM Controvento

Der Maschinist VS. ECM Controvento

Seit Jahren gilt eine ECM als das i-Tüpfelchen in der heimischen Espresso-Ecke. Dabei sind es weniger technische Innovationen, mit denen das Unternehmen aus Neckargemünd zu punkten weiß, sondern der Nimbus der Luxusschmiede, entsprechende Verarbeitungsqualität – und nicht zuletzt das gewisse Quäntchen Bling-Bling. Das (vorläufige) Ende der Fahnenstange bildet seit vergangenem Herbst die erste Dualboilermaschine der Schwaben namens Controvento. Ob der imposante Stahlbrocken hält, was er verspricht? Der Maschinist holt die Lupe aus der Schublade und schaut hinter die blitzenden Kulissen…

Erstkontakt
Sollten Sie mit dem Gedanken flirten, diesen Kaffee-Chevy im Alleingang auf den Tresen zu wuchten: Lassen Sie es besser bleiben. Oder buchen Sie gleich präventiv einen Boxenstopp beim Chiropraktiker Ihres Vertrauens. 40 Kilo sind nun mal eine definitive Ansage an jeden Ischias. Und, so viel ist klar: Ansagen macht das lange angekündigte ECM-Flaggschiff, das wie alle Modelle des deutschen Herstellers nach wie vor nicht hierzulande, sondern in der Nähe von Mailand gefertigt wird, eine ganze Menge. Wer sich eine Controvento (zu Deutsch: Gegenwind) leistet, sollte zum Beispiel – erste Voraussetzung – nicht bloß über eine stabile Ehe, sondern vor allem über eine entsprechend üppig dimensionierte Küche verfügen: Mehr als 60 Zentimeter Tiefe treiben so ziemlich jeder Standard-Arbeitsplatte den Angstschweiß auf die hölzerne Stirn und auch die raumgreifende Breite dürfte zu innerfamiliären Diskussionen führen. Auch das Design des Gerätes ist gewagt und bar jeder Zurückhaltung. Breitfüßig baut sich die Grande Dame vor einem auf. Jeder Millimeter an ihr macht unmissverständlich klar: Hier wurde bewusst geklotzt statt gekleckert. Ob man das Ganze dabei nun als grobschlächtig oder edel bezeichnen möchte, liegt wie bei so manchem SUV schlicht im Auge des Betrachters.

Die volle optische Breitseite kann eh nur genießen, wer die Controvento auf einer Kücheninsel installiert und qua am Boden verbautem Schalter den rückwärtigen Plexiglasschriftzug illuminiert. Wow, das fetzt! Die größte Ansage indes ist – da beißt die Maus keinen Faden ab – der Preis des Espresso-Boliden: Viereinhalb Scheine holt man in aller Regel nicht mal eben so aus der Portokasse. Wer so viel Bares für eine Kaffeemaschine auf den Tisch legt, der erwartet mit Fug und Recht das ganz Besondere. Einmal mit der Hand über das glänzende Äußere der Maschine gleiten, die schweren, satt einrastenden Kippventile bedienen oder die butterweich gleitende Levetta der penibel polierten E61 ausprobieren – und schon treibt einem die entsprechende Haptik ein Lächeln ins Gesicht. Dafür ist ECM bekannt. Schade lediglich, dass die gefährlich scharfkantige Unterkonstruktion diesbezüglich unangenehm aus dem Rahmen fällt. Houston, hier ist dringend nachzubessern!ECM-Controvento-beleuchteter-Schriftzug

Von außen nach innen
Die spannende Frage ist, ob auch die inneren Werte das sportliche Preisniveau rechtfertigen. Immerhin bekommt der potenzielle Kunde für denselben Tarif auch schon einen echten Highend-Dualboiler wie La Marzoccos GS/3. Doch im Gegensatz zu deren eigenständiger Architektur mit gesättigter Brühgruppe setzt die Controvento weithin auf bewährte Technik. Zwar spendierte man ihr zwei unabhängig voneinander temperatursteuerbare, mit 0,75 repektive 2 Litern sinnvoll dimensionierte Kessel aus hochwertigem Edelstahl, doch der große Rest im Inneren erweist sich analog zum verbauten E61-Kopf als penibel ausgeführtes business as usual: Auf über einen Extra-Wärmetauscher vorgewärmtes Brühwasser und damit höhere thermische Stabilität, wie es etwa Vibiemmes Domobar Super bietet, muss man ebenso verzichten wie auf temperiertes Teewasser, Pressure Profiling, einen intelligenten Stromsparmodus à la Vivaldi oder innovative Impulse in puncto Benutzerschnittstelle.

Soll heißen: Was andere (etwa Rocket bei der gerade halb so teuren, aber technisch nicht unähnlichen R58) noch nicht verwirklicht haben – zum Beispiel die bequeme Steuerbarkeit über ein drahtloses Interface – hat auch ECM fast zwei Jahre später nicht an Bord. Ganz im Gegenteil, denn die Einstellung der Temperaturparameter erweist sich anfangs als regelrecht kaum intuitiv bis kryptisch: Um im Menü vorwärtszukommen, muss man, unlogisch, aber wahr, ausgerechnet die Minustaste bemühen, und der jeweils zu justierende Modus wird einem lediglich durch die Position eines Punktes im Display angezeigt. Hier ist Stirnrunzeln fraglos vorprogrammiert.

Auf Herz und Nieren
Doch schreiten wir zur Königsdisziplin, dem Praxistest. Noch nie hatten wir, dies vorweg, eine derart flüsterleise Maschine auf dem Tisch. Chapeau, ECM! – von der deutschen Tugend der Geräuschdämmung verstehen die Herren aus Heidelberg definitiv schon mal etwas. Auch die Aufheizzeit des Brühkessels kann sich wahrlich sehen ECM-Controvento-Crema-sattlassen für einen derartigen E61-Koloss: Nach ganzen sechs Minuten pendelt sich das Display bereits auf den werksseitig voreingestellten Wert von 91 °C ein. Den ersten Kaffee könnte man theoretisch nach etwa einer Viertelstunde ziehen und genau dies versuchen wir – mit allerdings durchwachsenem Resultat. Denn obwohl die bequem über den automatisch mitlaufenden Shot-Timer angezeigte Laufzeit von 25 Sekunden bei den 16 g im Doppelsieb in Ordnung geht, ist der Shot dünn und schmeckt unangenehm sauer. Auch bei 94 °C kommt die Gran Miscela – ganz entgegen ihrer sardischen Natur – nicht recht aus den Startlöchern. Da liegt die Vermutung nahe, dass intern etwas falsch eingestellt, ergo der Offset falsch programmiert ist. Und exakt so ist es dann auch: Erst bei 100 °C (!) angezeigter Brühtemperatur kommt Leben in die süditalienische Bude. Auch wenn der Espresso jetzt erstklassig gelingt, sich je nach verwendeter Bohne subtilste Nuancen herausarbeiten lassen, findet der Maschinist, dass bei einer Macchina dieser Preisklasse alles ab Werk tutti eingestellt sein sollte. Hier helfen auch vom Hersteller mitgelieferte ellenlange Beschreibungen des Einstellprozederes bestenfalls bedingt weiter. Die darüber hinaus während der Bezüge zu verzeichnenden erheblichen thermischen Über- und Unterschwinger waren zu erwarten und gehen primär auf das Konto der E61-Brühgruppe.

AlleECM-Controvento-nettes-Detailin der Freiraum, der sich durch die in alle Himmelsrichtungen bewegliche Dampflanze bietet, sollte hingegen den Milchkünstlern unter uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Entsprechend angenehm gestaltet sich dann auch das Aufschäumen mit der Controvento, mit der selbst mäßig geübte Barista-Novizen nach kurzer Zeit Latte-Art-kompatible Milchcreme herstellen können sollten. Beteiligt ist daran neben den bombig verarbeiteten, sauber in jeder Position einrastenden Kipphebeln, die beidhändiges Arbeiten erleichtern, nicht zuletzt die standardmäßig verbaute, relativ handzahm zu Werke gehende Zwei-Loch-Düse, die für den fortgeschrittenen Könner jedoch einen Tick zu behäbig sein dürfte. Hier hätte ECM dem Gerät durchaus eine flinkere Alternative beilegen können.

Resümee
Hand aufs Herz: Technisch gibt es am Markt für den gleichen Tarif weitaus Aufregenderes. Mit einer GS/3 oder gar einer noch exklusiveren Kees van der Westen Speedster kann der ECM-Dualboiler von der Performance her nicht wirklich mithalten. Vermutlich war dies aber auch nicht das Ziel seiner Entwickler. Saubere Werkseinstellung vorausgesetzt, ist die Controvento ein ebenso imposantes wie stabiles Statussymbol für Leute, die nicht auf den letzten Cent schauen müssen. So wird am Ende auch der gesalzene Preis darüber entscheiden, ob man den forschen Namen der Wuchtbrumme als mutiges Statement oder unfreiwillig komisch empfindet. Hopp oder topp – die Wette gilt.