Im Test: ECM Elektronika

Der Maschinist vs. ECM Elektronika

Alle mal hersehen! Wer sich ECMs neues Siebträger-Flaggschiff auf die Küchenarbeitsfläche wuchtet, neigt kaum zum Understatement. Im Ge­gen­­­teil: Die Elektronika ist eine Ma­schine, die nicht irgendwo untergebracht, sondern bewusst inszeniert werden will. Eine Espresso-Skulptur von ebenso hohem Nutzwert – und mit einigen bemerkenswerten Neuerungen.

ECM Elektronika Siebträger im Seitenprofil

Hat hier eben wer vom Sparen geredet? Wir müssen uns verhört haben. Die Nobelschmiede ECM aus Heidelberg jedenfalls gibt sich trendresistent und setzt der andauernden Wirtschaftskrise zum Trotz voll und ganz auf Noblesse. Das geht bereits bei der an Apple erinnernden, aufwendigen Verpackung los und setzt sich dann nahtlos fort über glatt gerundeten Edel­stahl, der an keiner Stelle über die italo-typischen scharfkantigen Grate verfügt, bis hin zu zwei wundervoll in der Hand liegenden Luxussiebträgern mit Griffspitzen aus glänzend verchromtem Mes­sing „für perfekt austariertes Handling“ (ECM).

Dieses Gerät ist ein Statement. Punkt. Der Ferrari, den man sich leistet, weil man ihn sich leisten kann – und weil man eine Küche besitzt, in der das Wort Platzproblem de facto nicht existiert. Willkom­men in der Welt der frei stehenden Kücheninseln, von hinten illuminierten Glaspaneele und motorisch bewegten Bedienfelder! Wäh­rend die drei bekannten Modellreihen der süddeutschen Firma  – also der Einkreiser Classika sowie die technisch baugleichen Schwester­modelle Technika und Mechanika – allesamt von mehr oder weniger identischen Geräten italienischer Hersteller Konkur­renz bekommen (speziell Rocket Espresso Milano wäre hier zu nennen) und bis dato auch im Espresso-Mutterland gefertigt werden, betritt die Elektronika gleich in mehrerlei Hinsicht Neu­land. Sicher: Eine auf Faemas legendäre E61-Brühgruppe fußende Sieb­träger­maschine in Wärmetauscher-Technik mit einer Dosier­elektronik auszustatten, ist bestimmt alles andere als eine Palast­revolution. Es sind die vielen kleinen Detaillösungen des glänzenden 23-Kilo-Boliden, die zu gefallen wissen, doch dazu unten mehr. Ob sie tatsächlich schon im Schwäbischen gebaut wird oder dort nurmehr den letzten Schliff bekommt, gerät da beinahe schon zur Haarspalterei.

Von außen nach innen
So hat ECM wie bei sämtlichen Modellvarianten der „Professional Line“ auch im Falle der Elektronika die traditionell verbauten Schraub­ventile für Heißdampf und Teewasser durch progressiv arbei­tende Kippventile ersetzt, wie sie bei modernen Gastro­maschinen vermehrt auftreten. Das Handling ist denkbar simpel, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat: Nach oben oder un­ten bewegt, lässt sich die Abgabe subtil dosieren wie mit einem Gaspedal und binnen eines Wimpernschlages wieder beenden. Am Ende des Regelweges rasten beide Ventile bei vollem Schub ein, damit man beide Hände zum Arbeiten frei hat. Auch die der Ma­schine den Namen gebende Elektronik, gesteuert über fünf qua­dra­tische, blau illuminierte Tipptasten, kann mehr als nur vorein­gestellte Tassenlängen reproduzieren: Eine Tastenkombination ent­ledigt den Besitzer von dem nicht ganz zu Unrecht als lästig em­pfun­denen Blindsieb-Reinigungsritual.

Im Klartext: Blindsieb ein­legen, bei Bedarf Gruppenreiniger einfüllen, einspannen, zwei Tas­ten betätigen – et voilà! Den Rest übernimmt das schnieke Maschinchen, Reinigungsintervall für Reinigungsintervall, selbsttätig. Und wo andere Hersteller in ähnlichen Preisregionen noch auf schnöde, durch das Gewicht des Wassertanks getriggerte Tas­ter am Boden desselben setzen, um ein Leerlaufen des Kessels zu verhin­dern, beweist ECM Köpfchen und löst das Problem simpel, aber trickreich per Schwimmer/Reedkontakt. Natürlich sucht man beim Aufklappen des Tankdeckels auch Plastikschläuche jedweder Art vergebens, denn angesaugt wird das Frischwasser elegant von unten mittels eines Ventils. Apropos Aufklappen, ECM: Wo man beim Schäumen löblicherweise beide Hände frei hat, muss man beim Befüllen des Wasserbehälters beide zu Hilfe nehmen – an­sons­ten fällt der Deckel wieder zu.

Eine bei aller sonstigen Makel­losigkeit nervige Schwachstelle. Insbesondere ein Herausnehmen des Tanks gerät so schnell mal zur veritablen Fingerübung. Ausstattungsdetails wie kugelgelagerte, doppelwandige Lanzen, mikro­prozessorgesteuerte Befüllung des selbstredend aus wärmespei­cherndem Kupfer gefertigten 1,9-Liter-Boilers sowie zwei amtliche Manometer für Pumpen- und Kesseldruck sind vor diesem Hin­ter­grund fast schon Formsache. Einen echten Pluspunkt im All­tag stellt dagegen die aktiv beheizte Brühgruppe dar, die sich bei näherem Hinschauen als sinnvolle Weiterentwicklung des Faema-Klassikers entpuppt. Wie es ähnlich Bezzera im Rahmen sei­ner BZ07/09-Baureihe vorgemacht hat (dort jedoch ohne temperaturstabilisierende Wasserzirkulation), sorgt eine Art elektrische „Fußbodenheizung“ dafür, dass sich die Aufwärmzeit in für Maschinen dieser Größenordnung einzigartigen Grenzen hält.

ECM Elektronica im Härtetest des Maschinisten

Auf Herz und Nieren
Nun, zumindest sollte dem so sein. Denn leider geschieht direkt nach dem Einschalten Unvorhergesehenes: Zwar gibt die Elektronika nach oben eine gewisse Wärme ab und füllt den Kes­sel, doch abgesehen davon bleibt die Küche kalt; das Kessel­thermo­meter rührt sich partout nicht von der Stelle. Ein etwas ratloses Blättern in der informativen Bedienungsanleitung fördert dann Erstaunliches zutage, denn scheinbar handelt es sich beim be­schrie­benen Fehlverhalten um eine Sollbruchstelle des Systems. An prominenter Stelle wird einem geraten, bei Auftreten des Phäno­mens die Maschine kurz an- und auszuschalten. Gesagt, getan – ohne Erfolg. Hm. Etwas weiter hinten dann ein weiterer Tipp: die sogenannte Reset-Funktion. Zwei Tasten gleichzeitig ge­drückt wie beschrieben – es klackt zumindest vernehmlich. Doch Pustekuchen.

Ganz ehrlich: Beim Kauf eines derart kostspieligen Gerätes darf man erwarten, dass alles reibungslos funktioniert; falls nicht, wünscht man sich schneller als dem Hersteller lieb sein kann, manuelle Kippschalter zurück. Am Ende hilft lediglich der Anruf beim Hersteller, der nach anfänglicher Skepsis („Aber die Maschine ist oben warm, sagen Sie. Dann brennt es vermutlich innen.“) zu einer wirksameren, leider nicht im Booklet vermerkten Reset-Keule rät. Dann wird alles gut, und die Elektro­nika ist binnen 15 Minuten voll einsatzbereit. ECM wäre hier aber definitiv gut beraten, den Lapsus bei einer zweiten Baur­eihe von vornherein zu beheben. Die eigentliche Espressobereitung gerät vor diesem Hintergrund fast schon zum Kinderspiel, ebenso wie die detailliert beschriebene Programmierung der Tassenlängen. Ein erster Shot mit penibel abgewogenen 15 Gramm La Tazza d’oro Gran Miscela (ein sardischer 70:30 in Bestform) im Doppelsieb gelingt schon ziemlich klasse, wird nach hinten raus aber doch noch ein wenig dünn.

Ein zweiter Bezug mit geringfügig feiner gemahlenem Kaffee­mehl resultiert dann bereits in einer wahren mittelbraunen Au­gen­weide: 30 ml in satten 30 Sekunden inklusive Präinfusion – perfetto! Auch das Aufschäumen erweist sich mit den prompt reagierenden Profi-Kippventilen der ECM nicht zuletzt für den ungeüb­ten Novizen als wahres Vergnügen.  Zwar ist die Dampfpower nicht übermäßig brachial, doch allemal ausreichend – ebenso, wie man es als Heimbarista ohne Gastro-Anspruch liebt. Mit diesem Schub-Potenzial gelingt selbst dem Anfänger mit etwas Übung und ein wenig Fingerspitzengefühl der perfekte, feinporige Milchschaum für Cappuccino, Latte macchiato und Co. Für das Schmankerl am Schluss sorgt dann die Reinigungs­auto­matik, für die so mancher Gastronom mit Sicherheit einige Schein­­chen auf die Theke blättern würde. Hand aufs Herz: Wer hät­­te nicht schon nach einem langen Arbeitstag fünf gerade sein las­­sen und wäre ohne Einsatz des Blindsiebs ins Bett gegangen? Eben. Die Elektronika nimmt einem die Fron ab – und (ver)hilft da­mit vor allem sich selbst zu einem langen Leben.

ECM Elektronica Vollansicht

Resümee
ECM weiß, was die avisierte Zielgruppe sich wünscht: 1A-Hal­tungs­noten in Pflicht und Kür. Von zwei kleinen Patzern einmal abgesehen, die sich hoffentlich noch versenden werden, ist die Elektronika so ziemlich das ausgeklügeltste Gerät, das sich für Geld derzeit erwerben lässt. Kein für alle Temperatur-Even­tualitäten  gewappnetes Freak-Schlachtschiff à la Marzocco, sondern viel eher eine Art Espresso-Bentley für den Mainstream. Stil meets Bedienkomfort und kompromisslose Wertigkeit. Eine Ma­schi­ne für den Genießer, der auf keinem Gebiet Abstriche machen möchte – und andernfalls vermutlich zum Vollautomaten greifen würde. Chapeau!

Für die ECM Elektronika spricht:

  • tolle Verarbeitungsqualität
  • schnelle Aufheizzeit (10 –  15 Min.)
  • Profi-Kippventile für Heißdampf & Wasser
  • Espresso­qualität
  • hoher Bedienkomfort durch Dosier- und Reini­gungs­elektronik
  • üppig dimensionierte Auffangschale

Steckbrief

»Maße: (Breite/Höhe/Tiefe in cm) 32,2 x 38 x 47,2

»Gewicht: 23 kg

»Leistung:1.200

»Watt Kessel: 1,8 Liter

»Inhalt Vorratstank: 3 Liter

Features 

»hochglanzverchromte Brühgruppe aus Messing

»aktiv beheizt

»automatisch mikroprozessorgesteuert befüllter Kupferboiler

»Dosierautomatik 

»automatisches Reinigungsprogramm 

»Zweikreissystem für simultane Kaffee-Heißwasser- und Dampfentnahme

»Kesselmanometer

»Brühdruckmanometer

»Schutzschaltung bei Wassermangel

»gest. über Schwimmer

»Entlüftungsventil, Expansionsventil

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