Im Test: Fiorenzato Bricoletta

Venedig, Stadt der Kanäle und Dogen. Kaum ein italienischer Ort atmet mehr Geschichte, mehr Tradition. Davon zehrt diese Stadt als Tourismusmagnet, darunter droht sie mitunter aber auch zu zerbrechen. Zerfall und Glorie geben sich hier gewissermaßen die Hand. Eine Dichotomie, die sich ganz ähnlich auf unser aktuelles venezianisches Testgerät anwenden ließe: die Fiorenzato Bricoletta, einen E61-Zweikreiser, wie er im Buche steht. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Erstkontakt
Geben wir es offen zu: Ein kurzes Gähnen konnte sich der Maschinist nicht verkneifen. Überraschungspotenzial birgt diese Maschine ganz sicher keines. Italien birst nachgerade vor mittelständischen bis kleinsten Unternehmen im Espressotechnik-Segment – und alle haben sie mindestens einen E61-Siebträger wie die Bricoletta im Programm. Verbriefte, altbewährte Gastrotechnik für Daheim; ohne Schnick und Schnack. Aber, hey: Man kann halt nicht immer High-End vor die Tür gebracht bekommen. Immerhin muss man Fiorenzato – gegründet 1936 und nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Mühlenfirma aus dem nahen Umland von Padua – zugute halten, dass man mit dem seit gefühlten Jahrzehnten nahezu unverändert gebauten Zweikreiser eine Art Stil-Ikone im Stall hat. Denn auffällig ist an der Bricoletta zuvörderst ihr an Art-Deco erinnerndes, gewelltes Blechkleid. Davon abgesehen hagelt es beim Auspacken der 19 Kilo schweren betagten Dame eher Negativpunkte, die man als mit italienischen Gerätschaften bewanderter Mitmensch ausnehmend gut kennt, aber zumindest teilweise für überwunden hielt. Über die schnöde Pappkiste, oben mit Kaltschaum aufgefüllt, sehen wir dabei mal ebenso geflissentlich weg wie über das mitgelieferte Zubehör-Kontingent: zwei Standard-58mm-Siebträger, ein Blindsieb. Ende Gelände. Naja…immerhin zwei Siebträger. Und auf dem Plastik-Tamper hacken wir sonst ja eh nur herum.

Von außen nach innen
Sieht der Stahl schon generell bestenfalls mittelmäßig gefertigt aus, so erlebt man spätestens beim Befüllen des Plastiktanks sein Verarbeitungs-Waterloo: Derart stümperhaft wurde hier das Scharnier der Blechklappe angelötet, dass es dem Maschinisten die Sprache verschlägt. Auch die Entnahme von Tank und Abwasserschale gestaltet sich eher unschön: Ersterer klammert sich ohne Sinn und Verstand an den Überdruckschlauch, letzterer möchte sich erst nach rüdem Gerupfe vom Chassis trennen (was spätestens in gefülltem Zustand zu Überschwemmungen führen dürfte). Bezogen wird das kühle Nass ganz im Sinne der Espresso-Vorzeit über früher oder später zum Keimen neigendes Silikon, die vorhandene Abschaltung bei Wassermangel funktioniert ähnlich prähistorisch qua Tankwaage. Auch die verbauten Drehventile oder die eher billig wirkenden Schalter gewinnen weder Haptik-Contests, noch verströmen sie technisch zeitgemäßes Odeur. Das löst das Gros der Konkurrenz zum gleichen Tarif inzwischen besser. Apropos Schalter: Als man es fast schon aufgegeben hat, nach mitteilenswerten Features zu fahnden, springt einem ein rechts oben angebrachtes Exemplar ins Auge, dessen unklare Beschriftung zunächst zum Rätseln animiert. „Min“ vs. „Max“? Sollte das etwa… Und tatsächlich: Mittels dieser Benutzerschnittstelle kann der Bricoletta-User durch Abschalten einer Heizwendel seine Macchina auf die Hälfte der Leistung drosseln. Die nämlich ist mit satten 1.800 W Stromaufnahme reichlich bemessen – zumal bei einer überschaubaren Kesselgröße von gerade mal 1,25 Litern. Das Innenleben erweist sich als ebenso unspektakulär wie aufgeräumt. Luft, wohin das Auge blickt, die Messing-Verrohrung wirkt gekonnt, alles Nötige ist vorhanden und entspricht italienischem Standard. Zwar gibt es die Modellreihe optional auch mit Rotationspumpe/Festwasseranschluss oder – als „Campanile“, zu deutsch „Türmchen“ – mit Dosierelektronik und extrahohem Auslauf, doch hier werkelt ganz schnöde eine Ulka, die je nach Zustand entweder den stehenden Kupferkessel oder den Wärmetauscher füttert. Na, dann wollen wir mal.

Auf Herz und Nieren
Dass 1.800 Watt eine ganze Menge Holz für ein solches Maschinchen sind, zeigt sich nach dem von auffällig lautem Pumpengerassel begleiteten Umlegen des Netzschalters. Akustische Entkopplung geht anders, sicher – aber fix ist die Gute, meine Herren! Die gerade mal vier Minuten, die sich die Fiorenzato zum Schließen des Entlüftungsventils gönnt, reichen nicht einmal für eine Live-Version von „Felicita“, und bereits zwei weitere Italo-Hits später darf an der Levetta gespielt werden. 14 Minuten bis zur Bezugsreife – für eine E61 ist das aller Ehren wert. Schuss eins läuft zwar schon fast korrekt, entpuppt sich aber sensorisch als bittere Pille, da die Bricoletta trotz passenden Kesseldrucks von um ein Bar recht stark zum Überhitzen neigt. Ein ausgiebiger Cooling Flush ist in diesem Falle also Pflichtprogramm. Lässt man das Wasser nur entsprechend lange vor sich hin spratzeln, schwingt sich die Bricoletta nämlich schließlich sanft ein und extrahiert aus unserem sardischen 70/30 das, wofür sie einst in Oberitalien ersonnen wurde: richtig gelungenen, fett-cremigen Espresso, haselnussbraun gemasert und durchaus ausgewogen.

Und die Kür? Nun, sieht man von den wie angedeutet alles andere als luxuriösen Knebeln aus kantigem Hartplastik einmal ab, schäumt es sich mit Fiorenzatos Evergreen auch ganz kommod. Die im Vergleich zu anderen Zweikreisern geringe Größe des Kessels führt in Verbindung mit der ab Werk angebrachten Zweilochdüse höchstens dazu, dass es eher gemächlich zur Sache geht. Ausreichend ist der gebotene Schub indes alle mal, so dass auch fortgeschrittene Schaumschläger auf ihre Kosten (und die lieben Gäste zu ihrem Cappuccino) kommen.

Resümee
Unterm Strich präsentiert sich die schon leicht angestaubte Bricoletta als technisch grundsolide konzipiertes, in Teilen aber erschreckend lieblos zusammengebasteltes Gerät, für das man sich vermutlich noch am ehesten aus ästhetischen Beweggründen heraus entscheiden wird. Als Standard-Macchina, die die Welt kaum bräuchte, gäbe es sie nicht schon seit Jahr und Tag. Zumindest eine Runderneuerung stünde der nicht einmal auffällig preiswerten Venezianerin zweifellos gut zu Gesicht. Die Frage, die sich deshalb am Ende stellen muss, lautet schlicht und ergreifend: Why?!? Tradition ist eben halt doch nicht alles, meine Herren.

Steckbrief Bricoletta:

Maße (Breite/Höhe/ Tiefe in cm):
30 x 42 x 42

Gewicht: ca. 19 kg

Leistungsaufnahme: wahlweise 900 / 1.800 W

Kesselvolumen: 1,25 Liter

Features:
» Zweikreiser
» E61-Brühgruppe
» Economy-Modus
» Abschaltung bei
Wassermangel
zur Wahl (Edelstahl
satiniert, rot, schwarz)

UVP:1.199,00 €