Im Test: LA SPAZIALE DREAM

Der Maschinist vs. LA SPAZIALE DREAMlaSpazialeDream

Kann man Gutes sinnvoll verbessern – und so einen Dualboiler-Klassiker renovieren, ohne dem Nimbus Schaden zuzufügen? Der mittelitalienische Traditionshersteller La Spaziale hat exakt das versucht, indem er seiner Kult-Baureihe „S1“ eine überfällige Modernisierung verordnet hat. Auf dem US-Markt bereits seit Längerem erhältlich, kann der Interessent seit Dezember nun auch hierzulande zwischen „Vivaldi“/“Minivivaldi“ und „Dream“ wählen. Ob (und für wen) sich die zusätzlichen 400 Euro lohnen, versucht der Maschinist anhand der Festwasservariante zu ergründen.

Erstkontakt

Im Grunde genommen ist es wie nach Hause kommen. Vor nicht ganz drei Jahren hatten wir den nach wie vor gebauten Vorgänger als Tankversion auf der Testbank, sodass beim Unboxing des feuerroten Quaders sofort Erinnerungen wach werden. Eine Spaziale „S1“ vergisst man nicht so schnell, nicht bloß wegen des recht üppigen Gewichts von nahezu 30 Kilogramm. Wohl kaum eine Haushaltsmaschine polarisiert rein optisch derart; daran hat sich auch 2015 nichts getan. Die rein äußerlich markanteste Veränderung betrifft das User-Interface: Dort wo bei „Vivaldi“/ „Minivivaldi“ eine Reihe antiquiert wirkender Gummitaster und LEDs ihren Dienst versehen, becirct die in Kooperation mit dem amerikanischen Importeur Chris’ Coffee entwickelte Dream ihre Besitzer mit einem großvolumigen kapazitiven Touchpad sowie Grafik-Display. Ebenfalls einer sanften Revision unterzogen wurden die Kunststoffseitenteile der Maschine, die im Falle der Traumtänzerin nunmehr in Rotmetallic respektive Schwarzmetallic glänzen. Da gleichzeitig auch die leider immer noch weniger durch Wertigkeit als durch schiere Größe punktende Auffangschale passend lackiert wurde, ergibt sich in der Tat ein deutlich stimmigeres Bild. Sie ist und bleibt ein Parvenü, unsere „S1“ – aber sie hat sich zumindest etwas schickere Kleider angezogen.

Statt weiterhin zusätzliches Plastik in Form einer klapprigen Tassenreling durch die Weltgeschichte zu schicken, hat man das letztlich obsolete Ding kurzerhand weggelassen und die Spaltmaße an der Oberseite minimiert. Simpel, aber sinnvoll. Beenden wir die kleine Vorführung mit ein paar Details: einer in Krümmung und Länge latent modifizierten Dampflanze, dem nurmehr in einfacher Ausführung verbauten Manometer für den Druck des Dampfkessels (den anliegenden Leitungs- und Brühdruck zeigt die Dream digital an), zwei LED-Baristalights sowie einem rechts oben neben der Brühgruppe befindlichen Interface, das einem mal wieder vor Augen führt, wie umständlich Italiener leider manchmal um die Ecke denken. Denn weder verbirgt sich unter der Abdeckung ein darauf angekündigter USB-Port, noch der im Werbematerial beschriebene SD-Slot. Wer künftig von Spaziale online gestellte Software-Updates oder fremde Userprofile einspielen möchte, muss vielmehr erst ein fragwürdig aussehendes SD-Interface einstöpseln.

Von außen nach innen

Die inneren Werte von traditioneller „Vivaldi“ und aufgemotztem Neuling präsentieren sich demgegenüber als weitestgehend identisch, so dass sich der Maschinist im Folgenden und unter Verweis auf Ausgabe 2/12 auf die Differenzen zum Platzhirsch beschränkt. Auch die „Dream“ vertraut analog zum Platzhirsch auf den bewährten Aufbau: kleiner, direkt an die 53-mm-Gruppe geflanschter 0,45-Liter-Brühkessel, üppiger 2,5-Liter-Boiler für Teewasser und Dampf bis zum Abwinken – leider nach wie vor ohne Isolierung. Geblieben sind auch die professionelle Rotationspumpe sowie die robuste, eins zu eins auf den Gastro-Modellen des Herstellers aus Casalecchio bei Bologna basierende Verarbeitung der mittels ¼“-Flexschlauch ans Festwasser anzuschließenden Maschine. Wer vorhat, seine Spaziale gleichwohl über einen Tank zu fahren, sieht übrigens in die Röhre: Ohne anliegenden Wumms tut die Dame, der man neben einem digitalen Drucksensor für den Pumpendruck explizit auch einen zur Überwachung des Leitungsdrucks spendiert hat, nämlich keinen Mucks. Soll heißen: Festwasser – oder niente!

Dafür haben die Ingenieure der „Dream“ endlich die überfällige Dauerbezugsfunktion und eine „wissenschaftlichere“, zeitgemäßere Steuerung der Brühtemperatur mittels PID statt Zweipunktregler gegönnt. Überhaupt spielen sich die meisten neuen Gadgets auf der elektronischen Ebene ab, die – alle Achtung! – mal eben aus dem Marken-Flaggschiff S40 übernommen wurde. Die Folge ist eine wahre Flut teils nützlicher, teils eher vernachlässigenswerter neuer Funktionen. Klasse ist zum Beispiel der integrierte Timer, der sich pro Wochentag immerhin bis zu zwei An- und Ausschaltzeiten merken kann – und der bei der „Vivaldi“ lediglich gegen einen absurden Aufpreis nachgerüstet werden kann. Auch die erweiterten Stromsparmodi(u. a. programmierbarer Auto-Shutdown), der Wasserzähler für den Kalkfilter, der Shottimer, das Reinigungsprogramm für den Blindfilter oder die Volumetrik des Teewassers sind durchaus alltagstaugliche zusätzliche Helferlein. Ob man indes als Heimbarista jemals in die Verlegenheit kommt, Bezüge zu zählen, verschiedene Nutzerprofile anzulegen oder wissen muss, was chronologisch wann wie oft falsch gelaufen ist an Bord der Andrea Doria – es sei dahingestellt. Fest steht: Die „Dream“ registriert und zählt alles, nichts entgeht ihrem Hirn.

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(1) Die Programmiermöglichkeiten der „S1“ sind gewaltig, allerdings erschwert dies auch die Menüführung. (2) Die neu entworfene Dampflanze ist vor dem Schäumen leicht zu entleeren, macht jedoch bei größeren Kannen Probleme. (3) Die Espressoqualität der „S1 Dream“ist einfach hervorragend und scheut den Vergleich mit der Konkurrenz keinesfalls.

Auf Herz und Nieren

Zugegeben: Vor dem Hintergrund des umfassenden Elektronik-Overkills – zumal aus italienischer Fertigung – hatte der Maschinist so seine Zweifel. Was streicht bei Fiat und Lancia regelmäßig zuerst die Segel? Eben: Fensterheber und

Bordcomputer. Doch weit gefehlt. Weder reagiert das Touchpad unsauber oder verzögert, noch konnten wir im Dauertest irgendwelche Bugs provozieren. Schon weniger als zehn Minuten nach der Inbetriebnahme extrahiert die Maschine unsere sardische „Gran Miscela“ bei korrekter Einstellung des Mahlgrads vom Fleck weg ohne Fehl und Tadel, stets hat man beim Bezug alle relevanten Parameter bis hin zur Bezugsdauer im Blick. Änderungen der Brühtemperatur werden zügig und mit noch höherer Exaktheit als bisher dargestellt, ein bisschen Finetuning in punkto Preinfusionszeit macht die Sache dann perfekt. Geräuschkulisse und qua Fingertipp justierbare Dampfleistung sind wie bei der ja weitgehend baugleichen „Vivaldi“ eh vorbildlich. Gerade Letztere ist im Vergleich zur gerade mal mit halb so großem Servicekessel ausgestatteten Tankvariante schon eher jenseits von Gut und Böse anzusiedeln. Hier raten wir ungeübteren Käufern zum Einsatz der optional erhältlichen 0,9-mm-Düse, die den Vorgang zumindest etwas entschleunigt.

Als problematischer dürfte so mancher da schon eher die renovierte Dampflanze selbst empfinden: Zwar erleichtert die insgesamt kürzere und zudem leicht versetzte Bauform das obligatorische Ent-leeren vor dem Schäumen über der Abtropfschale (stets ein Manko der „Vivaldi“), erschwert dadurch aber andererseits das Handling mit größeren Kannen. Die LED-Beleuchtung der Brühgruppe schließlich erweist sich als fraglos nettes Feature, funktioniert aber nur bei zwei Tassen ohne Abstriche, während sie bei Singleshots zielsicher am Geschehen vorbeischießt. Am Ende des Tages bleibt es vermutlich Geschmackssache, ob man zur elektronischeren Inkarnation der Maschine tendiert oder zur technisch weitgehend identischen „Vorgängerin“. Während die „Dream“ dank des integrierten Timers primär in semiprofessionellen Szenarien brillieren dürfte, wo es auf fixe Einsatzzeiten, einen eleganteren Auftritt und noch komfortablere Bedienung ankommt, stellt die „Vivaldi“ all jene zufrieden, die auf allzu viel Bohei verzichten können und lieber ein paar hundert Euro sparen. Toll sind sie alle beide.

Resümee

Mit der „Dream“ hat La Spaziale sehr viel richtig, einiges sicher auch besser gemacht. Wer sich durch ihre per Touchpad gesteuerten Menüs und Untermenüs scrollt, wird erstaunt sein, was mit der Lady so alles realisierbar ist – zu einem Tarif, der sich im Vergleich zum Großteil der Dualboiler-Konkurrenz definitiv sehen lassen kann. Ebenso verblüfft wird er indes darüber sein, wie lange er mitunter für den Rückweg braucht. Letztlich werden Akribiker mit ihr genauso ihren Spaß haben wie Alltags-Baristas. Umso mehr, nachdem der Betatest unter Realbedingungen glücklicherweise vom US-Markt zwischen Seattle und New York.

Für die LA SPAZIALE DREAM spricht:

  • außergewöhnliches, pflegeleichtes Design
  • rasche Aufheizzeit
  • tolle Milchschaumqualität durch enormen Dampfdruck
  • erstklassigeEspressoqualität
  • robuste Technik aus der Gastronomie
  • große Abtropfschale
  • vielfältigste Möglichkeiten und Modi

Steckbrief

Maße (Breite/Höhe/ Tiefe in cm):41,5 x 38,5 x 41,5

Gewicht: ca. 28 kg

Leistungsaufnahme: 2.200 W

Kesselvolumen: 0,45 Liter (Kaffee)/2,5 Liter (Dampf/Heißwasser)

Features

» PID-gesteuertes Dualboiler-System

» beide Kessel gradgenau elektronisch regelbar

» LED-Barista-Lights

» kapazitives Touchpad

» Dampfboiler bei Bedarf abschaltbar

» Economy-Funktion (bei Betrieb bis unter 1.250 W) inkl. Auto-off

» volumetrische Dosierelektronik

» Reinigungsprogramm

» 2 digitale Druck-sensoren

» 4 speicherbare User-Profile

» integrierter Timer mit zahlreichen Features

» Festwasser/ Rotationspumpe

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